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  • mattia

025 - Heimfahrt

Als wir vor unserer Reise gefragt wurden: «Wie lang sindr denn unterwägs?», hatten wir nur eine grobe Vorstellung. Mein US-Visum sowie unser Budget waren die einzigen zwei Faktoren, die wir beachten mussten, denn sonst waren wir ja ab unserer Abreise im Januar an nichts mehr gebunden. Darum haben wir meist mit: «Sechs bis zwölf Monate, oder so lange bis uns das Geld ausgeht», geantwortet, was dann oft ein «Ah hoppla» als Reaktion ausgelöst hat.


Mein Visum war auch der Grund, weshalb wir vor drei Monaten irgendwo in der Wildnis Kanadas unseren Rückflug in die Schweiz gebucht haben. Bei meiner Wiedereinreise in die USA – nach den 33 Tagen in Kanada – wollten wir an der Grenze von Alaska einen «Beweis» vorlegen, dass ich dann und dann wieder ausreise. Als Flugdatum haben wir den 29. Oktober gewählt, was damals im Juni noch genug weit weg war um uns nicht das Gefühl zu geben, ab sofort mit Zeitdruck unterwegs zu sein.


Da Alaska theoretisch und auch praktisch unser Umkehrpunkt war, haben wir dort abgeschätzt, wie viel Zeit wir wo noch verbringen werden und wann ungefähr wir wieder in Florida sein sollten. Ende September respektive Anfang Oktober schien uns realistisch, denn wir bräuchten ja auch noch genug Reservezeit, um Henry wieder zu verkaufen. So sind wir weiter ohne fixen Terminplan aber dennoch mit diesem Anhaltspunkt wieder in Richtung Südosten statt wie bisher Nordwesten losgezogen.

Nun ist Mitte September (hier im Blog) und der Tag kommt doch immer näher.


Von unserem jetzigen Standort, dem Joshua Tree National Park bis nach Tennessee sind es etwas mehr als 2500 Kilometer und von dort auch nochmals rund 1600 Kilometer bis Sanibel, unserer Homebase in Florida. Wollen wir wie geplant auf den Rückflug, müssen wir also doch nochmal etwas vorwärts machen.



Vom Joshua Tree National Park nach Flagstaff, Arizona – 550 Kilometer


Vom Joshua Tree National Park verabschieden wir uns um 8:21 Uhr am Morgen, denn länger können wir wegen der immer grösser werdenden Hitze ohnehin nicht schlafen. Die Storen an den Eingangshäuschen des Parks sind wie bei unserer Ankunft noch unten, hier wird in typisch amerikanischer Manier von 9 Uhr bis 17 Uhr gearbeitet. In der Ortschaft namens Twentynine Palms holen wir Kaffee und füllen Henrys Tank bis oben voll. Nach 30 Kilometer schnurgerader Strasse und einem Hügel erblicken wir die wunderschöne Mojave-Wüste, die es zu durchqueren gilt. Einmal mehr ist ausser der Strasse kein einziges Anzeichen von Menscheneinfluss zu sehen, man fühlt sich hier ein bisschen wie auf einem fernen Planeten. Es ist faszinierend.


Nach einer Stunde Fahrt erreichen wir das Mini-Kaff Amboy – 4 Einwohner - mitten in der Wüste. Es besteht aus einem Bahnübergang, einem alten, verkommenen Motel namens Roys und einer Tankstelle, an der die Gallone Benzin unglaubliche 5 Dollar kostet (zur Erinnerung, in Texas an der günstigsten Zapfsäule haben wir für die gleiche Menge $2.09 bezahlt). Während der Ort zu Zeiten der Route 66 noch ein wichtiger Punkt auf der Strecke zwischen Chicago und LA war, zieht er heute nur Nostalgiker an. Die Interstate 40, die seit 50 Jahren wenige Kilometer oberhalb durchläuft, hat die einst 65 Einwohner zählende Gemeinde praktisch ausgelöscht.


Diese Interstate erreichen wir dann auch in nochmals 30 Minuten und dann heisst es Tempomat bei 70mph rein und geradeaus. Erst in Flagstaff, Arizona um 16 Uhr verlassen wir die Autobahn wieder und lassen es für heute gut sein. Wie vor 146 Tagen steuern wir das Cracker Barrel Restaurant an, denn dort wissen wir ja, dass Gratis-Übernachten auf dem Parkplatz erlaubt ist. Beim Abendessen im Restaurant werden wir von Kasandra bedient und erfahren deshalb leider nicht, ob unsere Servierdüse vom letzten Mal unterdessen endlich den Grand Canyon besucht hat.


Von Flagstaff, Arizona nach Albuquerque, New Mexico – 520 Kilometer


Auch in Flagstaff starten wir am Morgen relativ früh, heute soll es bis Albuquerque gehen. 520 Kilometer und rund 6 Stunden später sind wir dort. Weil wir unterdessen die Fernsehserie Breaking Bad geguckt und eine noch bessere Vorstellung haben, wie es in der Stadt zu und her geht – die Serie rund um das brutale Drogengeschäft spielt hier – entscheiden wir uns, auch hier wieder am gleichen Ort wie vor 5 Monaten zu schlafen, nämlich auf dem sicheren Enchanted Trails RV Park. Im Camping World gleich nebenan kaufen wir eine Ersatzbirne für unser Kühlschrank-Licht für 6 Dollar und finden auch noch heraus, dass unsere verlorene Radkappe hier für 43 Dollar erhältlich gewesen wäre. Wir erinnern uns lachend an die vielen unfruchtbaren Suchaktionen in Montana und lassen uns die Artikelnummer geben. Auf dem RV Park stellen wir uns zwischen die riesigen Class A Motorhomes und sind vom vielen Fahren ganz Bala Bala.


Von Albuquerque, New Mexico nach Amarillo, Texas – 466 Kilometer


Ziemlich genau in der Mitte der USA liegt Amarillo, Texas, hier geht es heute hin. Die trockene und weisse Wüstengegend von New Mexico lassen wir immer weiter hinter uns und je mehr wir uns Texas nähern, desto grüner respektive gelber wird es. Die Gras-Wiesen braucht es auch, denn hier wird gefarmt. Die Bauernhöfe sind unglaublich gross, kein Wunder, Wikipedia verrät uns später, dass hier ein Viertel der gesamten US-Rindfleischproduktion erfolgt. Wer jetzt an feine Steaks denkt – ja die gibt es. Es gibt aber auch eben genauso viele Aussen-Ställe, von denen sich ein so dermassen übel stinkender Geruch ausbreitet, dass einem fast das Morgenessen wieder hochkommt.

Kurz vor Amarillo verlassen wir die Interstate 40 und besichtigen die Kunstinstallation der Cadillac Ranch.




Nach einer Pause auf dem Texas Travel Welcome Center, wo wir später Gratis schlafen dürfen, kehren wir in der Big Texan Steak Ranch ein, einem Steakhouse wie aus dem Bilderbuch. Altmodische Einrichtung, Holzstühle und -tische, Köche mit Cowboy-Hüten, Country-Musik, Stiefel, Hörner und währschafte Esser wohin man blickt. Das 2kg Weltrekord-Steak, das hier angeboten wird, lasse ich lieber sein, 500 Gramm Ribeye reichen längstens. Während wir auf unser Essen warten, werden wir von zwei alten Cowboys mit dem so passenden «Country roads, take me home» besungen und ich trinke mich durch 4 lokal gebraute Probier-Biere.






Von Amarillo, Texas nach Henryetta, Oklahoma – 560 Kilometer und von Hernyetta, Oklahoma nach Forrest City, Arkansas – 535 Kilometer


Vom Texas Panhandle geht es immer weiter in den Osten nach Oklahoma. Auf dem Weg dorthin lesen wir auf unseren Handys immer wieder vom Sturm Florence, der im Atlantik mehr und mehr an Stärke gewinnt. Während die Prognosen von Minute zu Minute ernster werden, werden wir unsicher, ob unser Plan, den Great Smoky Mountains National Park an der Grenze zu North Carolina zu besuchen, die richtige Entscheidung ist. Die Internetseite des National Hurricane Center behalten wir ab jetzt offen, damit wir die Entwicklung des Sturms live mitverfolgen können.


Mitten in der Provinz von Oklahoma beenden wir dann den vierten 500 Kilometer-Fahrtag in Folge und steuern den Walmart von Henryetta an. Wir sind die Einzigen mit einem Camper und kommen uns deshalb etwas komisch und auffällig vor, trotzdem stört uns niemand und wir verbringen eine weitere ruhige Nacht auf einem Parkplatz.


Am 198. Tag, dem 12. September, geht es erneut mehr als 500 Kilometer weit bis nach Forrest City in Arkansas, einem weiteren Ort und Walmart, der rein als Übernachtungsplatz dient. Da wir nun wenige Kilometer vor Memphis, Tennessee sind, müssen wir uns heute entscheiden, wodurch es weitergehen soll. «Great Smoky Mountains» bedeutet, direkt in die Richtung des Hurricanes zu fahren, von dem es nun heisst, dass er schlimme Überschwemmungen, Stromausfälle, Erdrutsche und so weiter auslösen wird. Asheville in North Carolina wäre eine der Städte, die wir gerne besuchen würden, der Sturm soll aber genau dort drüber hinwegfegen…


Nach stundenlangem Studieren jeglicher Prognosekarten treffen wir die im Nachhinein richtige Wahl, wir verschieben Tennessee auf einen späteren Zeitpunkt und gehen dem Sturm aus dem Weg. Unsere Reise ist bislang so gut gegangen (abgesehen von der Panne in Kalifornien), wir wollen unser Glück in den letzten Tagen nicht überstrapazieren.


Von Forrest City, Arkansas nach Pensacola, Florida – 782 Kilometer


Um Florence auszuweichen, verlassen wir nach 2500 Kilometern die Interstate 40 und biegen in Memphis nach Mississippi ab. Via den Orten Tupelo und Meridian fahren wir heute statt genau von West nach Ost von Nord nach Süd und sehen dabei geschätzt all 500 Meter eine Kirche. Wir sind definitiv wieder im Bible Belt, dem religiösen Südosten der USA. Ausser jeweils an Tankstellen halten wir im ärmsten Bundestaat der USA nirgends, wir wollen so weit kommen, wie es geht. Beim Ort namens State Line überqueren wir die State Line nach Alabama und etwa eine halbe Stunde später begrüsst uns nach 199 Tagen das Schild «Welcome to Florida».


Ganz ein komisches Gefühl überkommt uns.




St. Joseph State Park, Apalachicola am 14. September


Vom Walmart in Pensacola, auf dem wir wegen der unerträglichen Luftfeuchtigkeit kaum schlafen konnten – auch die offenen Fenster während der Nacht haben nichts genutzt – fahren wir nach Pensacola Beach. Dort ist der Strand als National Seashore geschützt, was bedeutet, dass er ebenfalls vom National Park Service verwaltet wird. Bei prallender Sonne cruisen wir mit 30km/h auf der schmalen Insel und sind dabei links und rechts von weissen, teils bewachsenen Sandhügeln umgeben. Bei einem besonders schönen Spot halten wir und gehen die paar Schritte zum Meer. Der weiche und feine Sandstrand ist so idyllisch, dass wir uns spontan ins warme Wasser des Golfs von Mexico legen. Wir planschen in den seichten Wellen und geniessen den traumhaften Moment. Das glasklare Meereswasser erlaubt es uns, die vielen Fische zu beobachten, die direkt an der Oberfläche nach Beute jagen.




Wie gesund und vielfältig die Meeresbewohner hier sind, merken wir auch etwas später. Als ich am Strand stehe und mich abtrockne, sehe ich, wie etwa 3m hinter Catherine ein runder brauner Fleck auftaucht. Verunsichert teile ich ihr mit, dass sie doch mal rauskommen soll, hinter ihr sei etwas unterwegs. Zackigen Schrittes kommt Catherine raus und zusammen sehen wir, dass es sich um eine ca. 1m grosse Stachelroche handelt.


Da wir nun ohnehin erfrischt sind, lassen wir es danach mit dem Baden gut sein und kehren zum Camper zurück, wo wir noch auf dem Parkplatz mit den allerletzten Wasservorräten unsere sandigen Körper abduschen. Auf der Strasse 98 geht es weiter nach Panama City Beach. Im Küstenort steht ein Hochhaus-Hotel am anderen und direkt dahinter gibt es die Shopping- und Essensmöglichkeiten dazu. Schön ist es nicht wirklich, trotzdem nutzen wir das Angebot und lunchen im Hook´d Pier Bar & Grill Buffalo Wings und French Fries. Via Mexico Beach (das wenige Tage später vom Hurricane Michael komplett zerstört wurde) kommen wir am späteren Nachmittag schliesslich im St. Joseph Peninsula State Park an, wo wir unser Nachtlager aufstellen. Zu unserem Glück ist der Campingplatz mit Elektrizität ausgerüstet, denn auch hier ist die Hitze und Luftfeuchtigkeit so hoch, dass unsere Klimaanlage praktisch pausenlos läuft. Am Strand geniessen wir am Abend den Sonnenuntergang definitiv mehr wie die nach ihrem Enkelkind schreiende Grossmutter und überlegen uns danach, wo wir unsere allerletzte Nacht im Camper verbringen wollen.


Devils Den Prehistoric Springs am 15. September


Von der sehr schönen Halbinsel fahren wir am Tag 201 weiter der Küste entlang durch Apalachicola zu den Devils Den Prehistoric Springs. Hier im Floridianischen Hinterland ist vor langer Zeit ein Wasserloch entstanden, das nun zum Schnorcheln und Scuba-Tauchen einlädt. Da das Loch auf einem privaten Grundstück ist, ist es nur von 8 Uhr bis 17 Uhr zugänglich und kostet natürlich auch Eintritt. Als wir am späteren Nachmittag zum dazugehörigen Campingplatz einchecken, weist uns die erfahrene alte Dame hinter dem Tresen darauf hin, dass wir am nächsten Tag um Punkt 8 Uhr hier sein sollen, falls wir nur Schnorcheln wollen, an Sonntagen sei schon ab der ersten Stunde die Hölle los…


Auf dem Campingplatz richten wir uns dann zum letzten Mal ein. Wir leveln zum letzten Mal die Wasserwaagen im Camper aus, drehen zum letzten Mal den Gashahn auf, stellen zum letzten Mal die Wasserpumpe an.

Es ist ein ganz spezieller Abend, geniessen können wir ihn nicht, wird sind zu traurig, dass unser Abenteuer nun zu Ende ist.


Sanibel am 16. September


Die Devils Den Springs sind am nächsten Morgen dann eher Enttäuschung als Überraschung, doch unter unseren Umständen, hatten sie ohnehin einen schweren Stand. Um 8:10 Uhr am Morgen sind wir das zweite Paar, das Taucherbrille, Schnorchel und Flossen entgegennimmt. Wie recht die ältere Dame hatte, sehen wir auf dem Weg zur Treppe in die Untergrundhöhle.


Praktisch jeder Tisch auf dem Innenhof der Anlage ist von Scuba-Tauchern besetzt und wird Vorbereitung auf den bevorstehenden Tauchgang genutzt. Rasch gehen wir deshalb an diesen vorbei und steigen die etwa 5 Meter hinunter. In der mit Licht-Spots erhellten aber trotzdem recht dunkeln Höhle erschrecken wir dann zuerst einmal ab dem 22-Grad kalten Wasser. Nicht gerade die Temperatur, die man sich am frühen Morgen wünscht. Wir überwinden uns trotzdem und schwimmen während 30 Minuten hin und her. Zu Beginn sehen wir eine neugierige Schildkröte, dann 3 kleine Fische und danach nicht mehr viel. Das Loch, durch welches das Tageslicht in die Höhle dringt, ist einfach zu klein, um genug Licht zu spenden, unter Wasser sehen wir maximal 2 Meter weit. Und als um 8:45 Uhr die erste Scuba-Taucher Gruppe mit 10 Mitglieder die Höhle betritt, ist der Spass ohnehin vorbei. Die Plattform, von der man in das tiefere Wasser gelangt, ist im Nu komplett von ihnen besetzt und es wird durcheinandergeschwafelt, als wären sie die Einzigen hier unten. Wir beobachten noch, wie allesamt synrchon-blubbernd abtauchen und lassen es danach gut sein.


Vier Stunden und 430 Kilometer später sind wir dort, wo wir vor 202 Tagen und 22000 Meilen gestartet sind. Nach einem letzten Ölwechsel in Fort Myers geht es über den wunderschönen Causeway zurück ins vertraute Sanibel und ein letztes Mal den Periwinkle Way runter.


In der Einfahrt von Catherines Elternhaus parkieren wir Henry nun wie Vollprofis rückwärts ein und drehen den Schalthebel von «Drive» auf «Park». Wir drehen den Schlüssel, Henrys Motor verstummt...



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