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  • mattia

022 - Washington

Nach Gratis-Nächten vor den Häusern fremder Leuten ziehen wir immer früh los - so auch in Vancouver. 10 Tage waren wir schon wieder in Kanada, der letzte Grenzübertritt unserer Reise steht an.

Auf einem Info-Screen auf der Autobahn in Richtung Seattle sehen wir, wo man wie lange vor dem Zoll steht. Wir wählen die Option '25 Min' und kommen zu einem relativ kleinen Posten mit etwa fünf Spuren. Trotz meiner gültigen Aufenthaltserlaubnis von Alaska stellt der junge Beamte wieder die bekannten doofen Fragen, ich gebe brav Antwort mit dem beruhigten Gewissen, dass er mich ja sowieso hineinlassen muss.

North Cascades National Park - 7. bis 9. August

Ein paar Meilen nach der Grenze verlassen wir die Interstate und zweigen zum eher weniger bekannten 'North Cascades National Park' ab. Relativ spontan haben wir in Vancouver entschieden, zwischen den beiden Grossstädten - Vancouver und Seattle - zwei Ruhetage in der Natur zu verbringen. Durchs Washingtoner Hinterland steuern wir wie immer zuerst direkt das Visitor Center an, wo uns die bisher motivierteste aller Rangerinnen viele Tipps für Wanderungen gibt. Auf ihre Empfehlung fahren wir dann auch zügig zum beliebtesten Campground im Park, wo wir promt einer der letzten - furchtbar schrägen, aber immerhin verfügbaren - Plätze finden. Trotz Einsatz des gesamten Nivellierhilfsmittel-Arsenals kriegen wir die zwei Wasserwaagen in unserem Gefährt nicht mal annähernd gerade, doch davon lassen wir uns genau so wenig stressen, wie von der Tatsache, dass wir auf der Suche nach schmackhaften Fertig-Tomatensaucen auch bei der 'Red Wine'-Variante nicht fündig geworden sind. Akzeptabel, aber auch mit Aromat nicht wirklich ein Hit.

Als Wanderung suchen wir uns dann die paar Meilen zum Lake Ann aus. Auf dem Weg zum Trailhead-Parkplatz sehen wir einiges vom Park, unter anderem die schönen, gestauten, türkisblauen Seen, die etwa 75% des Strombedarfs von Seattle decken.




Durch Wald und Wildblumenfelder geht es in etwa 1.5 Stunden hoch zum Bergseeli, wo T-Shirt-Temperatur ist, aber auch jetzt im August noch ein kleines Schneefeld am Nordhang liegt. So ist das Wasser leider doch ein Mü zu kalt für einen Sprung vom angeschwemmten Treibholz.








Seattle 9. & 10. August

Mit der Erfahrung aus Vancouver denken wir in Seattle gar nicht erst daran, in die Innenstadt zu fahren, sondern planen etwas besser vor. In einem gutbetuchten Vorort buchen wir auf der Anfahrt sobald wir wieder Handyempfang haben einen Campingplatz. 'Vasa Resort Park' heisst der Fleck Land am See, der überhaupt nicht in die Gegend passt, denn links und rechts davon stehen lauter schicke Einfamilienhäuser. Da das 'Resort'nicht nur ein Campingplatz ist, sondern auch für Tagesgäste offen steht, kann man einen Teil der Grünfläche mieten. Das wissen wir, weil wir bei unserer Ankunft um die Mittagszeit mitten in ein Firmenfest mit Foodtrucks, Drink-Ständen, DJ + Animationsprogramm und Schlipsträger-im-Freizeitlook landen. Wir quetschen Henry in den engen Stellplatz 13, kühlen uns dank Stromanschluss und Klimaanlage kurz ab und wechseln in ein paar frische Kleider für die Stadt.


Per UBER geht es zum Park&Ride und von dort mit dem Bus ins Herzen von Seattle. Auf der Busfahrt lernen wir Shaun kennen. Auch er weiss wie wir beim Einsteigen nicht, ob der Bus in die gewollte Richtung fährt und so kommen wir ins Gespräch. Er ist von der Olympic-Halbinsel, macht gerade einen 2 wöchigen Immobilien-Kurs im erfolgreichen Büro seines Schwiegervaters und ist nun auf dem Weg zum Preseason-Spiel des Footballteams Seattle Seahawks. Zu Beginn macht er irgend einen Spruch, dass man ja nie wisse, wen man auf einer solchen Busfahrt kennenlernt. Wenn der nur wüsste. Als wir unsere Geschichte erzählen ist er völlig begeistert, fragt 100 Sachen und sagt immer wieder, wie gerne er so was auch machen würde. 'Trauen und machen' sagen wir ihm. Dank Google Maps erwischen wir die richtige Haltestelle und sind in wenigen Schritten am berühmten Public Market, dem Touristenhotspot in Downtown.





Hier gibt es unglaublich viel zu sehen. Blumensträusse in allen Farben und Variationen für lausige 25$, frisch gepresster Most für sündhafte 8$ pro Becher, fliegender Lachs, Fleisch en masse, Souvenirramasch und und und.





Auch die eklige 'Gum Wall' ist hier. Eine enge Unterführungs-Gasse an der auf beiden Seiten Millionen zerdrückter Kaugummis an den Wänden kleben. Bis zur Erschöpfung laufen wir noch weiter kreuz und quer um die umliegenden Blocks bis runter zum Pier, wo wir uns zur Erholung einen Moscow Mule und einen Ice Tea genehmigen.








Am nächsten Morgen haben wir um 9.30 Uhr den Termin für die Reparatur der Windschutzscheibe vereinbart - auf Kosten der Versicherung. Um rechtzeitig da zu sein, fahren wir eine Stunde vorher ab, trotzdem kommen wir ein paar Minuten zu spät. Auch in Seattle gibt es mehr Individualverkehr als Platz auf den Zubringerstrassen. Die Scheibe ist in 25 Minuten geflickt, resp. es heisst, sie sei es, denn der Sprung sieht noch genau gleich aus wie vorher. Naja, immerhin sollte er sich so nicht vergrössern.



Fremont heisst das Viertel, das wir uns danach angucken. Hippy & Artsy, ein paar coole Läden, einige angesagte Cafés, immer wieder hier und dort ein seltsames Kunstobjekt, aber auch auf der Strasse liegende Penner zeichnen es aus.







Nachdem die 'Free 2 Hour Parking' abgelaufen sind, geht es weiter auf den Capitol Hill. Hier treffen wir Andy Rampl, der Sohn der Rampl's, mit denen wir ganz zu Beginn unseres Trips in Santa Fe waren. Er wohnt hier und führt einen der besten Nachtclubs der Stadt, das 'Q'. Wir lassen uns den Club zeigen, Stereoanlageraum mit eigener Klimaanlage, rollstuhlgängige WCs, Spirituosenlager usw. und gehen später ums Eck im Thai-Restaurant lunchen. Danke Andy für die Einladung und bis zum nächsten Mal in Sanibel [oder Austin].

Auf Andys Empfehlung entscheiden wir uns, per Fähre die Bucht zwischen Seattle und Olympic-Halbinsel zu überqueren. Leider wollen das nebst uns noch viele viele andere und so stehen wir gute 2.5 Stunden an, bis wir schlussendlich aufs Deck rollen. Die Überfahrt dauert ca. 30 Minuten und kostet rund 30$ und lohnt sich trotz dem langen Anstehen sehr.






In Port Angeles endet dann ein weiterer langer Tag. Einmal mehr nehmen wir die Gratisoption bei Walmart dankend an und schlafen auf dem Parkplatz des Warenhauses schon so gut, als wäre es etwas selbstverständliches.

Olympic National Park 11. bis 14. August

Leider ist das Wetter am nächsten Tag nicht gerade super. In unserem 'National Parks Guide' lesen wir über den 'Olympic', dass die Fahrt auf den 'Hurricane Ridge' unbedingt gemacht werden muss. Doch je weiter in diese Richtung hochfahren, desto schlechter wird die Sicht und desto mehr regnet es. Ganz oben kehren wir darum nach 10 Minuten wieder um und fahren mit der Motorenbremse des 2. Gangs den Berg wieder runter. Diese lässt Henry's Tachonadel nicht über 35mph klettern und schont seine Bremsen. Das langsame Tempo erlaubt es uns auch, die 'Blacktail' Rehe neben und auf der Strasse beim Vorbeifahren zu beobachten.





Wir bleiben im Park, der ohnehin fast die ganze Halbinsel bedeckt, und versuchen es weiter bei den Sol Duc Hot Springs. Die kurvige Strasse durch den dichten, alten Wald ist wunderschön. Die Hot Springs selbst enttäuschen aber leider einmal mehr. Fast machen wir den Fehler, den Eintritt zu bezahlen, ohne vorher einen Blick durchs Fenster auf die Badezone zu werfen. Zum Glück machen wir es! Der 5-Meter-Pool ist so gestossen voll, dass man kaum noch Wasser sieht. In diese Konservenbüchse steigen wir sicher nicht. Wir kehren um, essen in Henry Brot, Salami und Käse und fahren wieder ein Stück zurück.

Anstatt den Badehosen ziehen wir halt unsere Regenjacken an und machen die 1 Meile Wanderung im 'Ancient Grove' Wald. Und wie wir dafür belohnt werden. Ganz alleine können wir durch den magischen Wald schlendern, umgeben von riesigen, uralten Bäumen, die unfassbar hoch in den Himmel ragen. Es wird eine der schönsten Wanderungen unserer ganzen Reise!




Unweit des Drehorts des 'Twilight'-Films [das weiss ich von Catherine] übernachten wir die nächsten zwei Nächte auf dem 'Mora' Campground. Im Gegensatz zu den Regionen im hohen Norden, wo viel Platz und wenig Leute sind, merken wir hier, dass wir eben schon noch mitten in der Sommersaison unterwegs sind. Auch dieser Campingplatz ist fast voll und wir kriegen wieder einen der letzten freien Plätze.

Rialto Beach und Second Beach heissen die Strände, die wir am Folgetag besuchen. An beiden Orten braucht es trotz Sonnenschein einen Pulli oder Faserpelz, denn es geht auch meist ein kühler Wind. Megaschön sind sie trotzdem. Die lang ersehnte, wilde Pazifikküste ist definitiv erreicht, auch dies ein toller Meilenstein dieser nun schon 167 Tage dauernden Reise.




Auch der dritte Tag im Olympic National Park begeistert. Der 'Hoh' Regenwald ist sehenswert, hat aber leider etwas zu viel Kundschaft, um so magisch wie der 'Ancient Grove' zu wirken. Dass es super Wetter ist - Sonnenschein und kurze Hosen - spielt sicher auch eine Rolle, in einem Regenwald sollte es halt einfach regnen.


Besser gefällt es uns wieder am Ruby Beach. Um in die spielende+schreiende Kleinkinder-Freie Richtung laufen zu können, müssen wir zuerst einen kleinen Süsswasserbach überqueren, der direkt ins Meer fliesst. Catherine wählt die Holzstamm-Brücke-Variante. Ein Fehler, denn in der Mitte wird sie von einer hinkommenden Welle überrascht, verliert die Balance und steht mit beiden Schuhen im Wasser. Ich schaffe es mit der Weitsprung-Variante knapp rüber - diesesmal muss ich zugeben, denn unzählige andere Male war ich es, der einen oder zwei nasse Füsse davongetragen hat. Wir geniessen die Ruhe, bauen Steinmandli, machen Kunst und schätzen unser schönes Leben, dass wir uns ausgesucht haben.









Wenn ein Baum so gross ist, dass dafür extra ein Strassenschild aufgestellt wird, muss es ja etwas spezielles sein. Das denken wir uns beim 'Big Cedar Tree' und folgen dem Schild. Und wie! Ein riesiger Stamm, auf dem ein weiterer Baum und noch einer und noch einer wächst, es sieht aus wie beim Dschungelbuch. Natürlich muss ich so weit hoch klettern, bis es von unten heisst 'Muesch denn eifach wieder abe cho'. Genial!



Abgeschlossen wird unsere Zeit im Park mit einem Campingspot mit direktem Blick auf den Ozean und einer fantastischen Sternschnuppen-Nacht. Mit dem Rauschen der Wellen und dem Duft des Salzwassers als Begleitung sehen wir uns den Nacken steif und hoffen, dass etwa 43 neue Wünsche in Erfüllung gehen.





Bruceport County Park & Astoria Rest Area

Bevor es weiter der Küste entlang gen Süden geht, schauen wir uns auch noch den 'Big Spruce Tree' an. Auch dieser ist dank Beschilderung leicht zu finden und auch er oder sie ist bombastisch. Seit 1000 Jahren wächst er in die Höhe. Unbeschreiblich.



Obwohl auf der Strassenkarte unmittelbar der Küste folgend, sehen wir auf diesem Abschnitt des Highway 101 nicht viel vom Meer. Erst als wir zum 'Long Beach' abzweigen, sehen wir es wieder. Wegen den tiefen Wolken ist die Stimmung dort etwas trist, doch eine lustige Anekdote gibt es zum 'Long Beach'. 45 Kilometer lang ist der Strand und wie an vielen anderen Orten in den USA auch, kann man hier mit dem Auto entlangfahren. Der Strand ist sogar ein offizieller Highway von Washington mit geregelter Maximalgeschwindigkeit von 25mph.




Über eine grüne Brücke kommen wir in die Kleinstadt Astoria [9800 Einwohner], die gemäss Recherche die schönste Küstenstadt von ganz Oregon sein soll und tatsächlich ganz nett ist. Vor dem Sightseeing müssen wir zuerst noch kurz wieder mal waschen, was wir an einer Tankstelle inkl. Mini-Markt und Laundromat erledigen. Beim Tanken braucht die Tankwartin unsere American Express zweimal. Henry säuft nämlich so viel, dass bei den Benzinpreisen der Westküste [3.50$+] mehr als 90$ reinpassen und das ist der Maximalbetrag, der einmal ab der Kreditkarte abgebucht werden kann.



Astoria ist einer der vielen Orte in Amerika, die mal florierten, dann stehengeblieben oder gar in eine kleine Krise geraten sind und nun dank frischen Wind und neuem Optimismus aufwachen. In den Haupt- und Nebenstrassen sind längst nicht alle Lokale vermietet, doch der Mix von stylischen Shops und leerstehenden alten Buden macht das Entdecken dieser Orte gerade umso spannender. Wo früher Autos repariert wurden, werden heute Tattoos gestochen oder Kaffees serviert und dank den Garagentoren, die die gesamte Frontwand der Geschäfte öffnen, wirkt alles noch viel cooler. Auch das alte Fischerboot [nun auf Rädern], aus dem so gute Fish-n-Chips verkauft werden, dass die Leute Schlange stehen, bringt zusätzlich Charme in den Ort.








Weil der nahegelegene Oregon State Park trotz 500 Plätzen komplett ausgebucht ist, fahren wir auf der grünen Brücke zurück nach Washington [der Fluss ist gleichzeitig die Stateline]. Gleich daneben gibt es eine Raststätte, auf der wir mit mindestens 10 Anderen zwar nicht gerade luxuriös aber immerhin wieder gratis und ungestört schlafen können.

~

Nach den beiden tollen Millionenstädten sorgten die Tage in der einzigartigen Natur von Washington genau für die richtige Abwechslung. Der Olympic National Park und vor allem die raue Pazifikküste haben uns begeistert. Umso mehr freuen wir uns darauf, weiter der Küste entlang durch Oregon und weiter runter nach Kalifornien zu fahren.

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