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021 - Alaska Highway bis Vancouver

Unsere nächste Destination ist der 'Pacific Northwest', also die Bundesstaaten Washington und Oregon an der Pazifikküste der USA. Zwischen hier - Tok, Alaska - und dort - Vancouver, B.C. - liegen 3'000 Kilometer. Na dann los.

Auf unserer Strassenkarte 'Alaska and Northwest Canada' von AAA [der TCS der USA] haben wir zur Vorbereitung ganz altmodisch die Distanzen zwischen den grössten Ortschaften am Alaska Highway aufgeschrieben. Weil es zwischen diesen ja praktisch nichts gibt, planen wir pro Tag immer von Ort zu Ort zu fahren. Die Entfernungen betragen jeweils um die 450 Kilometer, also etwa der Reichweite einer Tankfüllung von Henry.

Tok bis Destruction Bay - 360km am 29. Juli

Vollgetankt und frisch gewaschen - ja, an der gleichen Tankstelle wie vor 3 Wochen - fahren wir am Sonntag, 29. Juli von Tok los. Bis zur Kanadischen Grenze sind es 90 Meilen, also gute 1.5 Stunden. Zum Glück waren wir am Vorabend auf der Suche nach Postkarten noch im Welcome-Center in Tok, denn da wies uns der ältere Herr darauf hin, dass es einige Waldbrände in der Region gäbe und wir wahrscheinlich durch Rauch fahren werden. Das ist nach 45 Minuten Fahrt auch der Fall, die Sicht wird immer trüber und der Geruch vom verbrannten Holz setzt sich in unseren Nasenflügeln ab.


Je näher wir zum Yukon kommen, desto öfter hat die Strasse kurze Abschnitte mit losem Schotter aufgrund von Winterschäden. Weil diese oft hinter Kurven oder an anderen unersichtlichen Stellen sind, ist das Abbremsen dafür meist nicht möglich, man sieht es einfach zu spät. So braust man selbst und auch der Gegenverkehr mit satten 100km/h darüber, ohne Rücksicht auf Verluste.

Wie gefährlich das ist, erfahren wir ausgerechnet beim allerletzten Teil vor der Grenze. Ein entgegenkommendes Auto befährt den Schotter genau zur gleichen Zeit wie wir und spickt uns promt einen Stein an die Windschutzscheibe. Es knallt laut und ein paar Sekunden später sehen wir es. Ganz am rechten Rand haben wir einen Sprung in der Scheibe. So eine Scheisse. Wir regen uns grausam auf.

Je mehr wir darüber nachdenken, desto mehr merken wir, was für ein Wunder es eigentlich ist, dass das erst jetzt passiert ist. Bei den zig schlechten Strassen, nicht nur in Alaska, sondern auch an vielen anderen Orten, hätte es auch schon viel früher passieren können. Ausserdem haben wir ja noch unsere Versicherung.

Der Grenzübertritt nach Kanada ist wieder sehr einfach und unkompliziert. Zuerst fahren wir ohne Ankündigung am Amerikanischen Grenzposten vorbei und dann erst einmal 30 Kilometer bereits auf Kanadischem Boden weiter, bis endlich ihr Grenzposten kommt. Sowas ist wohl auch nur hier oben im unbesiedelten Norden möglich. Der Zöllner ist sehr nett, stellt keine doofen Fragen und lässt uns nach 2 Minuten rein.

Die Geschwindigkeitsschilder sind wieder in km/h statt mph [miles per hour], die Distanzen ebenfalls in Kilometer statt Meilen, sonst sieht es genau gleich wie vorher aus.

Am Kluane Lake, dem grössten See des Yukons übernachten wir. Weil der Kluane Nationalpark gleich neben dem Alaska Highway beginnt, ist hier totales Grizzly-Gebiet. Wir sehen zwar keinen, doch es hat anscheindend so viele, dass die Camper, die im Zelt unterwegs sind, nur in einer mit Elektro-Zaun geschützten Zone schlafen dürfen.

Destruction Bay bis Whitehorse - 260km

Haines Junction ist der nächste Ort, an dem wir Henry mit Sprit versorgen. Von hier aus ginge es nach Haines selbst, wo man wie unsere Berliner Kollegen Tim, Mieke, Benni und Alex auf die Fähre nach Vancouver/Bellingham könnte. Uns war diese Option jedoch zum einen zu teuer, und zum anderen wollten wir auch den ganzen Alaska Highway machen. So biegen wir an der Kreuzung nach links in Richtung Whitehorse ab. Dank seltenem Handy-Empfang vereinbaren wir bei Canadien Tire einen Termin für den nächsten Tag, die neuen Schlappen für Henry sollen drauf.



Whitehorse erreichen wir dann um die Mittagszeit und seit langem ist es hier wieder einmal HEISS. Kurze Hosen und T-Shirt war in Alaska selten bis nie der Fall, umso mehr freuen wir uns ab den sommerliche Temperaturen. Im Whitehorse steht die längste Holz-Fischtreppe der Welt und die schauen wir uns am Nachmittag an. Aufgrund eines Damms, der die Stadt mit grünem Strom versorgt, wurde die Fischtreppe zur gleichen Zeit gebaut. So können tausende Lachse Jahr für Jahr weiter Inland den Fluss hochschwimmen und Whitehorse hat gleichzeitig eine Touristenattraktion mehr. In der Mitte der Treppe wurde nämlich auch ein kleines Kabäuschen gebaut, in dem man durch Fenster die vorbeischwimmenden Lachse sehen kann. Eine der jungen Freiwilligen, die dort arbeitet, sagt uns, dass heute Morgen das allererste Männchen durchgeschwommen sei, die Saison hätte also genau jetzt begonnen. Sie sagt es so begeistert, dass wir fast auch ein wenig aufgeregt sind. Nebst uns sind auch noch ein paar andere hier, zwei davon sind aber garantiert keine Touris, das sieht man vom Schiff. Nach ein wenig beobachten stelle ich die nicht weit hergeholte These auf, dass es zwei lokale Fischer sind, die im Moment einfach jeden Tag hierhin kommen, um zu erfahren, ob sie endlich ins Wasser steigen können. Die Nacht verbringen wir wie beim Hinauffahren auf dem Walmart-Parkplatz neben einem Deutschen Paar im beigen Toyota Landcruiser.

Whitehorse bis Watson Lake - 438km

Am nächsten Tag um 8.00 Uhr ist dann unser Reifenwechsel-Termin. Wir beschliessen zusammen mit dem Fachmann vier Neue draufzutun, geben die Schlüssel ab und laufen in den Starbucks ums Eck. Drei Stunden später ist alles erledigt und wir können weiter.

Dieser Teil von Whitehorse bis Watson Lake ist der einzige Abschnitt des Alaska Highways, den wir schon kennen.

Vor Teslin überholen wir einmal mehr einen Velofahrer, was ja an sich nichts spezielles ist, wäre da nicht der grosse Schwarzbär, der 500 Meter weiter vorne gleich neben der Strasse auf einer Wiese am Fressen ist... Hoffentlich hat der arme Velofahrer noch genug Saft für einen kurzen Sprint in den Waden.

Etwas weiter vorne sehe ich dann Bär Nummer 38 unserer Reise, dieser hängt ganz entspannt in der Mitte eines Strompfahls ebenfalls direkt neben der Strasse. Als wir vorbeifahren, guckt er genau so überrascht und verdutzt rein, wie ich.

Auch in Watson Lake übernachten wir wieder auf dem bereits bekannten Yukon Territorial Campground und auch hier wütet irgendwo ein Waldbrand, denn die Luft ist wieder rauchig und milchig.

Watson Lake bis Fort Nelson - 455km

Der Abschnitt von Watson Lake bis Fort Nelson ist der letzte schöne und wilde Teil des Alaska Highways. 455km sind es zwischen den beiden Orten und lediglich 2 Tankstellen hat es auf der Strecke, rechtzeitig tanken ist also gefragt.

Im Visitor Center in Watson Lake lasse ich mir deshalb ein Info-Blatt mitgeben, auf dem sämtliche Highlights - unter anderem die zwei Lodges mit Zapfsäule - der Strecke vermerkt sind.

So fallen wir dann auch nicht komplett aus den Sitzen, als wir 100 Kilometer nach Abfahrt immer wieder ein einsames Bison am Waldrand sehen. Dass es die hier oben gibt, wussten wir nicht... Nach 2 Stunden Fahrt tanken wir zur Sicherheit nochmals voll, zum Glück nur etwa 30 Liter, denn der Benzinpreis ist an dieser abgeschiedenen Lodge bei saftigen $1.80 [Kanadische Dollar].

Richtig schön wird es wieder am Muncho Lake nach etwa 3 Stunden. Dieser füllt einen tiefen Talboden mit dunkelblauem Wasser aus. An unserem Pic-Nic/Mittags-Plätzchen am See windet und regnet es zwar, doch es passt perfekt zur Stimmung in der rauen, menschenleeren Gegend.



Das Holländische Paar, welches wir weiter oben am Aussichtspunkt schon gesehen haben, macht hier ebenfalls Pause und der supermotivierte Mann muss natürlich gleich seine Angelrute auswerfen, während die Frau drinnen kocht.

Die Strasse führt anschliessend auf der für uns linken Seite des Sees direkt am Ufer entlang. Zum Teil beginnt das Wasser keine 2m neben der Strasse und einige Kurven sind sehr sehr eng. Es funktioniert nur, weil hier so wenig Verkehr herrscht.

Über den höchsten Punkt des Alaska Highways erreichen wir den Abzweiger zu unserer Campsite am Muskwa-River. 5 Kilometer Waldweg bis zum Fluss, wo wir ganz alleine sind. Als ich später am Abend das 'Chili con carne' koche, kriegen wir dann doch noch Gesellschaft. An solchen Orten ohne Handy-Empfang und fernab jeglicher Zivilisation sind wir immer etwas gespannter (und auch vorsichtiger), wer unsere neuen Nachbarn sind und darum beobachte ich den blauen Van aus dem Fenster heraus. Als ich sehe, dass es eine junge Frau ist, die wohl das gleiche App wie wir hat - denn per Zufall würde man einen solchen Platz mitten im Gaggo nie finden - wird aus gespannt entspannt. Auch sie checkt zuerst ein wenig die Lage ab und als sie sieht, dass wir zwei harmlose Schweizer/Floridianer [haben ja nur diese Nummer am Camper] sind, kuschelt sie sich wenige Meter neben uns hin. Uns stört es nicht und wir beschliessen non-verbal und non-visuell in der Nacht aufeinander aufzupassen.

Fort Nelson bis Fort St. John - 439km

Nach 4 Tagen im Yukon sind wir dann wieder in Britisch Kolumbien und die Landschaft verändert sich merklich. Anstatt der vertrauten endlosen Wildnis mehren sich die Häuser, Bauernhöfe und kleinen Gemeinden entlang des Highways. Der wilde Norden verschwindet im Rückspiegel und die normalen PWs sind wieder in Überzahl. In Fort St. John nutzten wir wieder den Walmart als Gratis-Schlafplatz und gewöhnen uns so wieder an den Lärm und Geruch der Stadt.

Fort St. John bis Prince George - 515km

Verhältnismässig langweilig sind die 5 Stunden Fahrt nach Prince George. Weil wir PG ja bereits beim Hochfahren durchquert haben und vom Gestank weggescheucht wurden, bleiben wir auch jetzt nicht länger. Stattdessen spuren wir nochmals etwa 60 Kilometer in Richtung Süden ab, wo wir an einem See einen Gratis-Platz zum Schlafen finden. Wie in Whitehorse vor vier Tagen haben wir wieder einen Toyota Landcruiser als Nachbar, diesesmal kommt das Paar aber aus Australien.

Prince George bis Lillooet und dann Whistler - 437km

Whistler ist unsere letzte Station vor der ersten richtigen Grossstadt - Vancouver [2.5 Millionen Einwohner inkl. Umgebung]. Auf dem Highway 97 fahren wir an der Ortschaften '150 Mile House', '100 Mile House', '70 Mile House' und so weiter vorbei - ja das sind tatsächlich die richtigen Namen der Dörfer - und biegen dann auf den Highway 99 ab. Dieser Strassenabschnitt wird wieder als 'scenic' bezeichnet, wir sind gespannt. Vor Whistler übernachten wir noch in Lillooet und ja, auch wir haben keine Ahnung, wie man das ausspricht.



Das Tal, welches uns dahin führt ist extrem steil. Immer wieder warnen Strassenschilder vor 'Rocks' oder 'Slides'. An einer Stelle ist der Hang dann auch wirklich herunter gekommen, es geht nur einspurig auf einer provisorischen Piste vorwärts. Whistler ist dann fast schon überfüllt mit Touristen. Dass Sonntag ist und am Montag auch noch ein Feiertag spielt sicher auch eine Rolle, aber im bekanntesten Wintersportort von Kanada läuft auch sonst im Sommer unglaublich viel. Überall gibt es 'Mountainbikes for rent' und auch die Restaurants im Stadtzentrum sind proppevoll. Ein Festival namens 'Wanderlust' ist auch noch und darum hat es noch mehr Leute. Toll, aber zu Beginn auch etwas anstrengend.



Ganz miserabel sind leider die offiziellen Touristenhelfer der Stadt. Auf unsere Frage, ob sie uns sagen können, wo es in der Nähe Campingplätze gibt, antworten ALLE zuerst einmal mit 'No'. Wir haben fast ein wenig das Gefühl, dass wir sie daran erinnern müssen, dass SIE bezahlt werden, weil WIR hier sind, und so haken wir kurz nach. 'Alles sei voll an diesem Wochenende, keine Chance irgendwo einen Platz zu kriegen, wir müssten selber schauen, sie könnten uns nicht helfen'. BAD JOB, Whistler, denn auf dem ersten Campground ausserhalb der Stadt hat es ein 'Overflow'-Lot, auf dem es noch mehr als genug freie Fläche hat und anstatt 13$ kostet es sogar nur die Hälfte.

Bis Vancouver sind es am nächsten Tag dann nur etwa 90 Minuten und so sind wir auch schon fast wieder an der US-Grenze. Die Kanadische Grossstadt gefällt uns, doch uns mit Henry gleich in die Hochhaustäler der Downtown zu stürzen, war wohl nicht der beste Plan. In den engen, unübersichtlichen Strassen sind wir überfordert und können uns gerade noch so auf einen Parkplatz retten.









Zu Fuss ist es dann einiges angenehmer. Gastown, Yaletown, Downtown und andere Towns sehen wir uns an. Im grünen Stanley Park ruhen wir uns aus, beobachten die riesigen Frachtschiffe beim ein- und auslaufen und kühlen uns mit Glacé und Ice Tea ab. An der Spanish Bay legen wir uns an den Strand und geniessen den Ausblick auf den gegenüberliegenden Hügel und die Skyline von Vancouver etwas weiter hinten. Die Nacht verbringen wir nach langer Zeit wieder einmal bei einem 'Boondockerswelcome'-Paar in einer ruhigen Seitenstrasse.








Mein Fazit zum Alaska Highway

Den gesamten Highway in der kurzen Zeit runter zu düsen war ein genauso spannendes Erlebnis, wie die langsame Anreise hinauf. Für Ungeduldige, Gestresste oder andere nicht-im-Moment-Lebende mag die Strecke langweilig und eintönig sein, doch gerade auf der ersten Reise zur 'Last-Frontier' gehört er meiner Meinung nach dazu. Nur wenn man selbst eine Woche lang 5 Stunden durch die endlosen Wälder fährt, wird einem bewusst, wie weit es dahin wirklich ist. 

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