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020 - Alaska

160 Kilometer Schotterpiste.

Top of the World Highway.

Nördlichster Grenzposten der USA. Endlich Alaska!

Es fehlt nicht mehr viel, und wir sind da.



In den letzten Tagen wurde das Einschlafen immer schwieriger. Denn obwohl wir den Anforderungen des Visums entsprechend genug lange in Kanada waren

[30 Tage muss man ausserhalb der USA sein, damit die Ausreise als 'significant' angesehen wird und man erneut 6 Monate beantragen kann, siehe letzter Blogpost],

wissen WIR nicht, ob MICH der Zöllner noch einmal reinlässt. Der rote Schweizer Pass, mit dem man an allen anderen Grenzen der Welt geradezu mit Handkuss ins Land eingeladen wird, ist an den Amerikanischen nichts wert. Hier gilt jeder als potenzieller Immigrant und wird auch als solcher verhört. Wir hoffen und probieren es, denn einen Plan B haben wir sowieso nicht.

Retour auf dem steinigen Schotterweg?

Oder gar von Kanada zurück in die Schweiz fliegen? Bitte nicht.

8. Juli 2018

Nach einer kurzen Nacht auf dem Parkplatz des Visitor Centers von Dawson City reihen wir uns um 9 Uhr morgens in die RV-Wartelinie der Fähre über den Yukon ein. Diese gehört zum Kanadischen Highway-System, ist deshalb gratis und bringt uns in 5 Minuten ans andere Ufer.



Noch ein paar wenige Kilometer ist die Strasse asphaltiert, dann beginnt die Schotterpiste und damit der berühmte 'Top of the World Highway'. Da es in den letzten Tagen zum Glück trocken war, ist die festgefahrene Erdpiste gut und wir kommen ohne Probleme voran. Henry schwebt über die vielen Schlaglöcher, lässt sich von keinem Stein beängstigen und bringt uns sicher immer näher zur Grenze. Während den ganzen 130 Kilometern, die wir mit Maximaltempo 60 km/h befahren, sehen wir weder ein Haus, noch eine Blockhütte, rein gar nichts ausser Wildnis. Es ist überwältigend.


Nach 2 Stunden Fahrt von Hügel zu Hügel, meist über der Baumgrenze, sehen wir die beiden Grenzstationen. Dank der atemberaubenden Landschaft beginnt das Herz erst jetzt etwas schneller zu schlagen, doch jetzt wird es ernst. Wieder ohne Adieu zu sagen geht es vorbei am Kanadischen Zoll, direkt zum Amerikanischen, wo uns Officer 'Berg' mit dem typisch grimmigen Beamtenblick begrüsst und die ersten Fragen stellt. Nach 3 Antworten werden wir aufgefordert, links ranzufahren und mit ins 'Office' zu kommen. An einer Grenze nie ein gutes Zeichen. Woher. Das Ganze wird super easy. 'Berg' übergibt meinen Pass an 'Robinson', dieser nimmt gleich den Stempel zur Hand, stempelt meine neue Aufenthaltserlabunis bis Januar 2019 aufs Formular I-94 und heftet dieses ins meinen Pass. Ohne eine weitere Frage. Beim Bezahlen der 6$ Bearbeitungsgebühr beginnt er sogar zu Small-Talken und es stellt sich heraus, dass er vor seinem Job in Alaska in Leigh Acres - was 40 Minuten von Sanibel in Florida ist - gewohnt hat. Wenn wir unterdessen nicht wüssten, wie gross Nordamerika ist, könnte man glatt schreiben "Wie klein die Welt...".

Bevor es sich die beiden anders überlegen, setzten wir uns wieder hinters Steuer und stossen erst in sicherer Distanz den langen und erlösenden Freudenschrei aus.

ALASKA, WIR HABEN ES GESCHAFFT.


Vor 132 Tagen und mehr als 19'500 Kilometer sind wir in Florida losgefahren, mit dem Weg als Ziel und Alaska als fernen Umkehrpunkt. Nun sind wir hier, wir können es kaum fassen.

Tok, Alaska Stoves Campingplatz

Gleich nach der Grenze, wahrscheinlich als Willkommens-Geste, wechselt die Strasse von Schotter zum wohl perfektesten Asphalt nördlich des Äquators. Doch Alaska wäre nicht Alaska und die USA nicht die USA wenn es so bliebe. Nach etwa 10 Kilometern endet der so schön leise, bequeme, glatte, sanfte Teer und die Strasse wird wieder umso holpriger und schlechter. Wir bangen um Henry und verlangsamen auf noch maximal 35 km/h, bis wir in einer weiteren Stunde endlich in 'Chicken' ankommen.

'Chicken' [hiess früher mal 'Ptarmigan', doch weil die Goldschürfer das nicht aussprechen konnten, benannten sie den Ort eben auf die einfachere Variante um] ist der passendste Einstieg nach Alaska, den man sich ausdenken kann. Im Sommer 50 Einwohner, im Winter etwa 8, eine 'Downtown', die aus einem zusammenhängenden Restaurant + Bar + Schnapsladen + Gift-Shop besteht, eine Baracke schräger als die andere und allesamt aneinander anlehnenden, damit sie nicht zusammenfallen und eben, einem Schnapsladen für 50 Einwohner...





Um uns und unseren Hinterteilen eine verdiente Pause zu gönnen, kehren wir im Restaurant ein und bestellen - logisch - 2x Chicken of the Day. Der junge Chefkoch gibt die Bestellung resp. Beilagen an Mike weiter und heizt den Herd ein. Mike, Mitte 30, Glatze und Bierbauch kam aus Indiana hierhin und wollte eigentlich reich werden. Weil er beim Goldschürfen aber wahrscheinlich genauso unbeholfen war, wie jetzt im Restaurant als Küchenhilfe, wurde er von den Betreibern des Claims auf die Strasse geschmissen und von der Besitzerin [die Mutter vom jungen Chefkoch, sie selbst arbeitet im Gift Shop] des Restaurants aufgenommen.

Wieso wir das alles über Mike wissen? Weil eine alte Lady, die mit Tochter und Schwiegersohn wohl auch gerade zum ersten Mal in Alaska besucht, ihn in einem Ton 'Are you an Alaskan?' gefragt hat, als käme er vom Mond und er daraufhin alles ohne Rot zu werden erzählt hat. Wir glauben, er checkt selbst nicht ganz, wie lustig seine Geschichte eigentlich ist. Naja, Salat statt Gold zu waschen scheint ihn nicht zu stören, er grinst ständig, braucht für alles ewig lange und treibt so seinen jungen Chef zur Verzweiflung. Der junge Chefkoch ist zu allem hin normalerweise eben gar nicht Chefkoch sondern Barkeeper nebenan, wenn der Mutter aber die ganze Stadt gehört, kann man eben nicht viel ausrichten. Grandios.

Weiter durch endlose Wildnis fahren wir auf nun asphaltierter Strasse nochmals 2 Stunden bis nach Tok [1260 Einwohner], der zweite Ort nach der Grenze. Obwohl Asphalt, ist die Strasse gespickt mit tiefen Löchern oder umgekehrt hohen Bumps, die uns fast aus den Sitzen katapultieren. Auf dem günstigsten Campingplatz richten wir uns ein und schalten bald von diesem strengen und ereignisvollen Tag ab. Vor dem Verdienten ins-Bett-gehen komme ich noch mit einem netten britischen Gentleman ins Gespräch. Er ist seit kurzem pensioniert und fährt nun die Panamericana mit dem Velo runter. 80 Kilometer pro Tag, Zeithorizont 1.5 Jahre. Auch nicht schlecht.

Delta Junction, Alaska State Park

In der Reisebroschüre, die wir aus Kanada mitgenommen haben, sehen wir bei der Alaska-Rubrik die Werbung 'Free Carwash with every Fill-Up' und nutzen das Angebot gleich am nächsten Tag. Obwohl wir den 'Top of the World Highway' bei bestem Wetter gemacht haben, hat Henry eine dicke Staub- und Dreckschicht angefressen, die zwar cool aussieht, aber trotzdem weg muss.

Delta Junction zwischen Tok und Fairbanks ist etwa genau so spannend, wie es der Name vermuten lässt - ausser einer grossen Kreuzung und dem offiziellen Ende des 'Alaska Highways' gibt es hier nichts. Der 'Alaska Highway' und der 'Top of the World Highway' sind übrigens die einzigen zwei Strassen, die in den Bundesstaat führen. Mehr Über-Land-Möglichkeiten gibt es nicht. Doch mehr dazu im nächsten Blog.





Fairbanks, State Park & Chena Hot Springs vom 10. bis 12. Juli

Durch 'North Pole' geht es nach Fairbanks. North Pole hat seinen Namen auch auf eine Weise bekommen, wie es wohl nur in den USA möglich ist. Der Ort wurde gegründet, um Firmen hierhin zu locken, die auf Weihnachtsartikel spezialisiert sind. Einer Adresse wie

xxx Santa Claus Road 24 North Pole, Alaska

wegen nach Alaska zu zügeln, schien dann aber für die wenigsten Sinn zu machen, deshalb steht der 'Worlds Biggest Christmas Shop' nun halt relativ alleine hier. Im Laden voller glitzerndem Plunder, das meiste Made in China, sind trotzdem oder genau deshalb alle Vorbeifahrenden und Catherine, der Weihnachts-Fanatikerin, gefällt es auch.




Fairbanks [30'000 Einwohner] ist relativ schnell beschrieben. Die Stadt macht den Eindruck, vor allem Mittel zum Zweck zu sein, denn viel Spezielles gibt es nicht. Downtown haben wir nicht gefunden [weil es keine Downtown gibt], der eigentlich toll gemachte Pioneer-Park mit seinen vielen Blockhütten-Geschenkläden ist leider fast ausgestorben und überall herrscht viel Verkehr. In der Alaska Coffee Brewing Company holen wir Cappuccino für Catherine und entscheiden uns 5 Minuten vor Filmstart, wiedermal ins Kino zu gehen. Der überfällige Ölwechsel erledigen wir ebenfalls und lernen vom supermotivierten Angestellten zwei-drei nützliche Dinge über das Leben unter Henrys Haube. Nach einer Nacht auf dem Campingplatz in Fairbanks fahren wir auf einer zu Beginn furchtbaren Strasse zu den Chena Hot Springs. Da die heissen Quellen in Privatbesitz sind, wurde ringsherum ein riesiges 'Resort' gebaut. Wirklich natürlich wirkt das Ganze deshalb nicht mehr wirklich, doch das Wasser ist warm und die Abwechslung tut gut.






Nenana RV Park & Denali RV Park

Zwischen Fairbanks und dem Denali Nationalpark verbringen wir zwei unspektakuläre Tage in RV Parks, die rein mittel zum Zweck sind. In Nenana gibt es auf dem RV Park 'Free Bikes', mit denen wir eine Runde im 370-Einwohner Dorf drehen. Nach 50 Meter müssen wir zum ersten Mal umkehren, mein Hinterrad hat ein dermassen ein 'Achti drin', dass es mir zusammen mit den Löchern in der Strasse meine Wirbelsäule komplett durchmassiert. Beim zweiten Velo+Versuch klappt es besser und wir machen beim Visitor Center [auch eine Blockhütte] den ersten Stop. Catherine kriegt eine Limonade von einem kleinen Knirps, der die Becherkapazität noch nicht ganz kennt und weiter gehts zum Nenana Ice Tower am Fluss. Auch in Alaska sind die Winter scheinbar sehr lange und monoton, denn wie in Dawson City wird auch hier gewettet, wann das Eis auf dem zugefrorenen Fluss zum ersten Mal bricht. Jackpot 2017: Mehr als $200'000.





In 'Healy' im 'Three Bears'-Supermarket [für Grizzly, Schwarzbär und Eisbär] stocken wir unsere Reserven für die kommenden Tage auf und besuchen danach die 49th State Brewery. Dort können wir den Filmset-Bus von 'Into the Wild' anschauen, denn der echte liegt 20 Meilen von hier entfernt im Wald. Weil schon ein paar Menschen auf dem Weg dorthin gestorben sind, vor ein paar Jahren auch eine junge Schweizerin, hat die Brauerei den Bus vom Film gekauft und bei sich im Vorgarten hingestellt, damit man ihn ohne Risiko erleben kann.





Auf dem sinnlos teueren RV Park [54$] laden wir unsere Hausbatterie und unsere elektronischen Geräte auf und am nächsten Morgen können [oder besser gesagt: kann ich] um 7 Uhr dank TV-Kabel-Anschluss an den Camper [ja, so was haben wir] den Sieg der Franzosen gegen die Kroaten live miterleben.

Denali National Park, Riley Creek CG// 15. Juli bis 19. Juli

Am 15. Juli haben wir unsere Reservation für den Camping im Denali National Park.



Am Riley Creek beim Parkeingang suchen wir ein schönes Plätzchen und finden es im dritten Loop auch. Henry ausleveln, Gas an, Kühlschrank an und weiter zum Visitor Center. Im Untergeschoss sehen wir uns die toll gemachte Ausstellung über verschiedene Themen [Tierwelt, Bergsteigen, Goldrush etc.] an und erhalten anschliessend von einer Rangerin nützliche Tipps für den morgigen Tag. Wir gehen früh ins Bett, denn...

...'Früh' aufstehen ist am zweiten Tag angesagt. Mein Handy weckt uns um 7:15 Uhr. Eine 11-stündige Bus-Tour steht auf dem Programm. Um weiter als 15 Meilen in den Park zu kommen, muss man nämlich sein Auto stehen lassen und auf eine solche Tour umsteigen. Wir wählen die günstigere Variante ohne Tourguide [55$ pro Person statt 180$] und haben wiedermal Glück, denn Laurie, unsere Busdriver-In, weiss auch zu jeder vierten Kurve etwas zu erzählen.






  • Im bald vollen Bus tuckern wir los, Meile für Meile weiter in den Nationalpark hinein und sehen 8 Grizzly-Bären mit Cubs, Caribous, Dall-Schafe, einen Fuchs, Bieber, Elche, Hasen, Murmeltiere, Weisskopf-Adler und weiteres Gefieder. Weil es bewölkt ist und immer wieder nieselt, zeigt sich der Gipfel vom Denali nicht, doch irgendwie passt dieses Wetter sowieso besser zur Landschaft als blauer Himmel. Laurie erzählt immer wieder Interessantes vom Park. Wir erfahren unter anderem dass Fussabdrücke von vier Dinosauriern gefunden wurden

  • dass die Besteigung des Denali-Gipfels etwa $10'000 kostet und 2-3 Wochen dauert, die Monate April - Juni sind die geeignetsten

  • dass es 10 Wolfsrudel und etwa 320 Grizzlys im Park gibt

  • dass sich Caribous sehr bescheiden fortpflanzen, nur eine von acht Kühen kriegt ein Junges

  • dass es Mai ganze 5 Wochen dauert, bis die 90 Meilen lange Parkstrasse vom Schnee befreit ist

  • dass früher die Schulbusse von Fairbanks genutzt wurden, um im Sommer die Touristen in den Park zu fahren - die Kinder hatten sowieso Sommerferien

  • dass man den Denali nur etwa alle 3 Wochen komplett ohne Wolken sieht







Nach 5 Stunden Fahrt [mit 3 Pinkelpausen dazwischen] gibt es im Eilson Center eine Mittagspause. Von dort fahren wir weiter zum Wonder Lake, fast ganz am Ende der Parkstrasse. Bei der Rückfahrt, die etwas schneller geht, fallen dem ein oder anderen Senior dann die Augen zu, der lange Tag macht sich bemerkbar. Um 21 Uhr sind wir dann wieder zurück im Camper, auch wir sind totmüde und fallen in Gedanken an die unzähligen wunderschönen Bilder in den Schlaf.






Ein weiteres tolles Erlebnis haben wir auch am dritten Tag bei der Hundeschlitten-Demo. Per Shuttle-Bus geht es zu den 'Kennels' [Zwinger], wo 31 'Alaskan Huskys' ihr Zuhause haben. Natürlich haben alle Hunde ihre eigene Blockhütte, was denn sonst in hier oben. Bei der Vorführung sehen wir, was für eine extreme Kraft die Hunde haben und beim Ranger-Talk lernen wir viel über ihre Geschichte, Aufgaben, Eigenheiten usw. Weil die Hunde nicht aufs Aussehen sondern auf die inneren Werte [Lunge, Herz etc.] gezüchtet werden, sehen alle etwas anders aus. Spitzige Ohren, schlappe Ohren, robuste Körper, Kleinere und Kompakte, Braune, Schwarze, Helle, kurze Felle, lange Felle - es hat alles und macht jeden Hund einzigartig.






Als der Ranger sagt, dass die Hunde mit 9 Jahren in die Rente gehen und adoptiert werden können - sofern man in einem ähnlichen Klima wie es in Alaska herrscht wohnt - muss ich Catherine immer wieder zurückhalten. Die vier Jahreszeiten in Alaska heissen nicht umsonst Juni, Juli, August und Winter. Doch ganz ehrlich - auch ich muss mich beim Hundeblick von 'Rupee' beherrschen...



Am Abend fahren wir 5 Minuten aus dem Park und gehen im laut TripAdvisor besten Pizza-Restaurant essen. Die Salami-Pizza und der Rucola-Proscuitto-Apfel-Salat mit Minzedressing sind beide supergut aber auch superteuer [$30 für die Pizza].

Als Verdauungsspaziergang fahren wir danach bei schönstem Sonnenuntergangslicht noch ein Stück auf der offenen Parkstrasse [um gleichzeitig auch unsere Hausbatterie wieder ein wenig aufzuladen] und sehen einen wunderschönen grossen Elchbullen am Strassenrand mit stolzem Geweih.



Tag 4 verbringen wir mit kurzen Spaziergängen, unter anderem auf dem Mountain Vista Trail, wo wir den Denali weit weit hinten zum ersten Mal in seiner vollen Grösse und ohne Wolken erblicken. Was für ein Glück wir damit haben wissen dank Laurie... Auch aus grosser Distanz und als Schweizer unglaublich imposant. Am Nachmittag laufen wir in 30 Minuten zum Visitor Center, wo wir eine zweite Runde bei den Huskies drehen.





Der Denali National Park wird in den 4 Tagen zu einem unserer Favoriten auf der Reise. Einerseits sind Natur und Landschaft einzigartig, andererseits macht das Parkmanagement viel richtig und ermöglicht den Besuchern ein echtes, unverbrauchtes Erlebnis in der unberührten Wildnis.

Talkeetna

Talkeetna ist einer der vielen guten Tipps von Nora. Sie ist eine Crossfit/Gewichtheberin-Kollegin aus Basel [die beste und stärkste Gewichtheberin der Schweiz] und hat in Fairbanks ein Austauschjahr gemacht. Das kleine Indianerdörfchen ist im April und Mai Ausgangspunkt für die Denali-Gipfelstürmer und der Rest vom Jahr 'a nice little drinking town with a climber problem', wie es ein Kleber auf der Stossstange einer Rostlaube passend beschreibt. Beim Schlendern durch die Main Street sehen wir nebst vielen anderen kleinen Häuschen ein interessantes Blockhaus mit coolem Logo und gehen hinein. Als wir an der Tür unsere Ausweise zeigen müssen, kommt es uns schon komisch vor, doch drinnen wird uns gleich klar, wieso. Es ein Cannabis-Shop, ups. Wie in Colorado ist es auch in Alaska erlaubt resp. geduldet. Statt Gras gönnen wir uns dann doch lieber ein Hopfen im Biergarten der Alaska Brewing Company und kehren dann zum schäbigen aber ruhigen Campground zurück.





Eagle River State Park bei Anchorage am 20. Juli

Die grösste Stadt Alaskas - Anchorage - soll auch nicht gerade ein Schmuckstück sein, doch wie immer sehen wir es uns gerne mit eigenen Augen an. Wir kurven ein wenig rum und können bald bestätigen, hierhin ziehen wir nicht. Da einer unserer Hinterreifen beim letzten Mal 'Luft kontrollieren' fast nichts mehr drin hatte, lassen wir ihn bei den netten Jungs von der 'Tire Factory' auffüllen, uns beraten und holen auch gleich eine Gegenofferte für vier neue Pneus ein. 166$ pro Pneu inkl. Arbeit.

Da der Reifendruck am nächsten Morgen wieder niedrig ist, kehren wir zum Pneushop zurück und lassen es flicken. Irgendwas am Ventil war kaputt - 20$ für Material und eine Stunde Arbeit. Beim Warten wird uns einmal mehr deutlich, wie entspannt wir unterdessen unterwegs sind. Vor unserer Reise wäre eine Stunde im Warteraum einer Garage rumsitzen eine Ewigkeit und lauter verschwendete Zeit gewesen, nun stört es uns überhaupt nicht, einfach mal hinzusitzen und eine ganze Weile nichts zu tun. Definitiv etwas, dass wir auf dieser Reise gelernt haben und mit züruck nehmen wollen.


Kelly Lake

Via Gratis-Übernachtungsplatz am Kelly Lake inklusive erster Schwarzbären-Sichtung in Alaska geht es nach Homer. Die Fahrt dorthin ist immer wieder sehr schön. In den vielen Flüssen stehen Lachsfischer bis zur Brust im Wasser und an der Küste sind die komplett weissen Schneeberge auf der anderen Seite des Meeres zu sehen.



Homer am 22. Juli

Homer ist am südlichsten Punkt der Kenai-Halbinsel und umgeben von Bergen und Gletschern, die direkt ins Meer reichen. Ab hier geht es nur noch per Schiff oder Wasser-Flugzeug weiter. Uns gefällt vor allem der Homer-Spit, eine wenige Meter breite Landzunge, auf der sich alles ums Fischen dreht.







Viele kleine Läden stehen auf Holzstelzen über dem schwarzen Sandstrand, es gibt einladende lokale Restaurants, ruchige Bars und ein riesiger Hafen mit hunderten Fischerbooten in der Bucht.






Die von den Hochsee-Anglern frisch gefangenen Heilbutte und Lachse werden vor Ort filetiert und gekonnt in die Kühlboxen geworfen. Touristen wechseln sich mit von Wind und Wetter gezeichneten Seemännern ab und es herrscht viel Betrieb. Sehr spannend, abwechslungsreich und authentisch.








Im 'Little Mermaid' kehren wir ein, für mich gibt es einen superguten Pulled-Pork Burger und für Catherine Beef-Sliders mit Fries. Vom Hochtisch sehen wir durchs Fenster direkt auf die spannende Marina und auch dem Koch scheint es in Homer zu gefallen, zu Jimmy Buffet singt und klopft er leidenschaftlich seine Burger flach.



Russian River State Park

Das schlechte Wetter am Tag darauf lässt unseren Plan, per Boot Halibut Cove zu besuchen, leider ins Wasser fallen. Es ist neblig, regnet und die Sicht reicht wenige Hundert Meter weit. So fahren wir halt wieder los. Beim Safeway [Supermarket] kreuzen wir dann tatsächlich unsere Kalifornischen Kollegen mit dem grünen Toyota-Camper aus Kitwanga. Wir winken, da wir nicht so ein auffälliges Fahrzeug haben wie sie, checken sie wohl nicht, wer wir sind und trotzdem freut es uns, dass sie es nach 25 Tagen auch hierhoch geschafft haben.

In Kenai [dem Ort] verlassen wir den Highway und schwenken in die Stadt.

An dieser Stelle ist vielleicht zu erwähnen, dass in der Reisebroschüre über Alaska [die vom free Carwash bei Fill-Up in Tok] über fast alle grösseren Gemeinden etwas geschrieben wurde. Der Autor dieser kurzen Berichte muss absoluter Alaska-Fanatiker sein, denn die Texte sind so formuliert, dass man meinen könne, ein Highlight folgt dem anderen an diesen Orten.

Dass das eben nicht unbedingt der Fall ist, zeigt sich an Kenai. Ein Kaff mit zwei alten russisch-orthodoxen Kirchen und einem Café, die die Touris anziehen, sonst nicht viel. Der russische Einfluss ist nebst den Kirchen auch oft an den Ortsnamen zu erkennen, Kasilof, Kalifornski oder Nikiski sind einige Beispiele.



Per Zufall halten wir bei einem Mini-Park und gehen ein paar wenige Schritte zu den anderen Leuten, die über eine Klippe herabschauen. Dort blicken wir aufs Meer / Strand / Fluss und sehen sicher 100 Leute, etwa 3 Meter vom Ufer entfernt und mit etwa einem Meter Abstand zueinander. Ich frage meinen Nachbarn, ob das ein Wettfischen sei, dieser antwortet 'Nein, die Leute seien am 'Net Dippen'. Würde nicht jedes zweite Auto/RV auf der Kenai-Halbinsel mit einem solchen Ding auf dem Dach herumfahren, hätte ich es mir nicht vorstellen können. Also, beim 'Net Dipping' hat man ein Netz mit einem Durchmesser von ca. 1.50m um einen Hulahularing und langen Stock und stellt sich damit so weit ins Meer, wie man eben noch stehen kann. Nun wartet man, bis sich ein Lachs zum Fluss aufmacht und dabei direkt ins Netz schwimmt. Soll mal einer sagen Fischen sei langweilig und kein Sport.




Seward Beachfront Campingplatz

Seward ist ein weiterer Küstenort, der in der Broschüre bestens proklamiert wurde. Auch von hier gäbe es die Möglichkeit, mit Booten aufs Meer zu fahren, um Wale, Gletscher oder Sonstiges zu sichten, doch das Wetter spielt wieder nicht mit, es schifft ohne Pause. Das Städtchen besichtigen wir in rund einer Stunde und danach verkriechen wir uns in Henry. Wir beobachten aus dem Trockenen unseren Nachbarn, wie er den ganzen Nachmittag lang sein Tiny House Trailer einen einzigen Stellplatz nach rechts zügelt und weiter vorne die Meeresotter, die auf dem Rücken dem Strand entlang schwimmen.





Statt aufs Wasser geht es dann halt zu Fuss zum 'Exit Glacier', der im Kenai Fjords National Park dahinschmelzt. Auf der Weg zum Parkplatz zeigen Pfosten am Strassenrand eindrucksvoll, bis wohin der Gletscher vor 150, 100, 50 etc. Jahren reichte.





Bird Creek State Park bei Anchorage

Es schifft auch am nächsten Morgen, darum gleiches Motto wie schon bekannt, weiterfahren und auf besseres Wetter hoffen. In Whittier [220 Einwohner] ist es auf jeden Fall nicht. Um die Reisebroschüre-Gemeinden-Propaganda abzuschliessen: Was sich der Autor hier zusammengeträumt hat, grenzt an ein Wunder. Durch einen einspurigen, etwa 5km langen Tunnel [13$ Gebühr] mit Eisenbahnschiene in der Fahrbahn, kommen wir nach Whittier.



Die Sicht ist hier noch miserabler als vor dem Belchen, ehhh Tunnel, zudem windet es noch, es ist düster und fast ein wenig unheimlich. Im Hafen steht ein riesiges Kreuzfahrtschiff - die armen Gäste - und zwei markante Gebäude prägen das Ortsbild. Da wäre einmal das 'Begich Towers Condominium', welches nach einem verschwundenen und tot geglaubten Politiker benannt ist. Im farbigen 14-stöckigen Hochhaus wohnt praktisch ganz Whittier, also wirklich, fast alle 220 Einwohner haben dort ihr Appartment. Im Gebäude ist auch die Post, der Einkaufsladen, das Spital, der Polizeiposten, die Kirche, ein Hotel, das Büro vom Bürgermeister und ein Pool. Nicht umsonst hat Whittier auch den Nicknamen 'city under one roof'. Das zweite Gebäude ist das 'Buckner Building', ein ebenfalls riesiges, verlassenes, ehemaliges Militärgebäude, das überhaupt nicht hier hin passt. Beide Bauten waren eine Zeit lang die grössten von Alaska. Sonst gibt es in Whittier nicht viel zu sehen, der Hafen ist klein, das Angebot an Shops und Restaurants sehr dünn und darum hält es uns bei dem Hundswetter nicht länger hier.

Palmer am 26. Juli

Via Anchorage führt uns unsere Reiseroute nach Palmer, dort wollen wir zum Hatcher Pass. Hier zeigt sich Alaska wieder von der schönsten Seite, oder besser gesagt, hier zeigt sich Alaska überhaupt wieder, denn der Regen hört auf.







Auf der steilen Strasse geht es stets aufwärts bis zum Schild 'RVs and Trailers not recommended beyond this point' am Anfang der Schotterstrasse. Da uns so was schon lange nicht mehr imponiert, lassen wir es rechts stehen und fahren 15 Minuten weiter zum höchsten Punkt des Passes, der immerhin etwas über 900m.ü.M ist.



Aus dem 'Komm, wir gehen kurz da hoch' wird eine 1.5-stündige Wanderung mit fantastischen 360-Grad Aussichten.










Wieder etwas weiter unten schauen wir uns die Independence Mine an, die zwar nur 10 Jahre lang in Betrieb war, aber in dieser Zeit trotzdem zu einem halben Dorf mit Schule heranwuchs. Viele Gebäude stehen noch und sind gut erhalten, ein grosser Teil der Mine ist jedoch auch komplett zerfallen, was einen tollen Kontrast zueinander gibt.






Valdez, Eagles Rest RV Park

Durch das wunderschöne Mat su Tal fahren wir bis zum Tankstellen-Kreuzungs-Dorf Glennallen, wo wir rechts nach Valdez abbiegen. Bestes Wetter begleitet uns bis zum Thompson Pass, etwa 20 Meilen vor Valdez, wo wir dann plötzlich komplett eingenebelt sind und kaum 20 Meter weit sehen. Im Tal ist die Sonne weg und - logisch - es regnet wieder.



Wir begraben unseren Meeresausflugs-Plan endgültig und gönnen uns dafür am nächsten Morgen ein feines Frühstück aus einem Foodtruck. Beim Essen beobachten wir immer wieder kleine Hasen, die scheinbar wild im Freien herumhoppeln. Eine Lokale klärt uns auf. Jemand hat die Hasen hier ausgesetzt und die Bewohner scheinen sie zu mögen, denn trotz dem harrschen Klima geht es ihnen bestens.




Da unser Wetter-App 'Regen und kalt' für die nächsten 10 Tage voraussagt, setzten wir auch hinter Valdez einen Punkt und kehren nach Tok am Alaska Highway zurück.

Tok, Alaska Stoves am 28. Juli

Der Weg dahin ist der perfekte landschaftliche Abschluss. Vorbei an den hohen und vergletscherten Wrangell Mountains fahren wir erneut 3 Stunden durch grüne Wildnis bis zum Horizont.






In Tok auf dem selben Campingplatz wie vor 3 Wochen essen wir für den morgigen Grenzübertritt den Kühlschrank leer und Alaska verabschiedet sich mit einem unglaublichen Sonnenuntergang von uns.



Während wir bei der Einreise überwältigt waren, ein Stück weit 'angekommen' zu sein, fühlen wir uns am letzten Tag hier oben etwas komisch. Von jetzt an geht es wieder 'zurück'. Die näherkommende Heimreise in die Schweiz ist für uns momentan noch immer ein 'müssen' statt 'wollen', zu gut haben wir zwei es auf unserem einzigartigen Abenteuer.

Doch statt melancholisch auf das Ende zu blicken, freuen wir uns vielmehr auf die nächsten zwei Monate, auf den Pacific Northwest, Vancouver, Seattle, Portland, San Francisco, Los Angeles, Joshua Tree... wir fangen lieber wieder an zu planen...

Facts und Figures über Alaska

  • Fläche: 1.7 Mio. Quadratkilometer - 40x grösser als die Schweiz

  • Einwohner: 730'000

  • Grösste Stadt: Anchorage mit 290'000 Einwohnern, dann Fairbanks mit 30'000

  • Höchster Gipfel: Denali (früher Mt. McKinley) 6190m, damit höchster Berg in Nordamerika

  • 1867 für 7.2 Mio. $ von Russland an die USA verkauft

  • Hätte New York City die gleiche Einwohnerdichte wie Alaska würden 16 Menschen in Manhatten wohnen

  • Lediglich zwei Strassen führen nach Alaska. Der Alaska Highway und der Top of the World Highway.

  • Preis für 1 Gallone (3.7l) Benzin: ~ 3.50$

  • Zeitpunkt absoluter Dunkelheit in der Nacht: Nie

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