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018 - Kanada, Teil 1 von 2

Kurze Erklärung zu meinem USA-Visum [Mattia]

Ich habe für unsere Reise in Nordamerika das US-Visum B1/B2 beantragt und es nach einem 25-seitigen Fragebogen im Internet, 20-minütigen Interview auf der Amerikanischen Botschaft in Bern, 160 Dollar Gebühr und 5 Tagen Wartezeit auch erhalten.

Damit kann ich 180 Tage lang am Stück in den USA bleiben - mit dem 'normalen' ESTA sind es nur 90 Tage und max. 180 Tage pro Kalenderjahr. Mein Visum ist 10 Jahre lang gültig und gilt für mehrere Einreisen. Auf der Botschaft und auch am Flughafen in Ft. Lauderdale im Januar wurde ich darauf hingewiesen, dass ich bei einer Ausreise nach Kanada mindestens 30 Tage lang dort bleiben muss, damit es tatsächlich als Ausreise gilt. Danach kann ich erneut Einreisen und wieder 6 Monate bleiben - sofern der Zöllner dies erlaubt, denn trotz Visum - B1/B2 oder ESTA - hat immer dieser das absolut letzte Wort.




Grenzübergang Chief Mountain am 5. Juni 2018

Vom Many Glacier CG bis zur Grenzstation brauchen wir knapp eine halbe Stunde. Wie es an Grenzen so ist, interessiert es das Land, das man verlässt überhaupt nicht, was man macht und das wird uns hier fast ein wenig zum Verhängnis. Mitten am Tag sind wir die Einzigen, die an diesem Mini-Grenzübergang aufkreuzen und so können wir schnurstracks am Amerikanischen Häuschen vorbei zum Kanadischen Zöllner fahren. Dieser fragt uns freundlich aber bestimmt...

"How long do you wanna stay in Canada?" "A bit more than a month" "Any weapons? Alcohol? Tabacco?" "No weapons, a bottle of rum, a flask of schnaps, some beers and 4 cigars" "Ok, there you go"

...klopft den Stempel rein und sagt, wir können weiterfahren. Völlig überrumpelt, wie einfach das nun alles ging, kommt bei uns Verwirrung auf. Weil wir das Gefühl haben, einfach nach Kanada eingereist zu sein, ohne uns bei den Amis abgemeldet zu haben, fragen wir ihn, ob wir nochmals zurück können, um dort den Ausreise-Stempel zu holen.

Er sagt 'ja, kein Problem' wir können den Camper neben seinem Fahrzeug parkieren und zu Fuss zur Amerikanischen Grenze laufen (50 Meter). Gesagt, getan. Wir laufen ohne schlechtes Gewissen direkt in das Bürohäuschen rein und wollen am Schalter nachfragen, doch bevor wir ein Wort sagen können, werden wir ganz nervös gefragt:


"Did you guys just walk here from the Canadian Border?"

Wir sagen 'ja, der Kanadier hat uns gesagt, wir sollen das so machen' und der Amerikanische Zöllner einfach nur fassunglos und ganz nervös


"No, no, you cant just walk here, you can't do that, go outside, go outside."


Wir müssen auf die Strasse, wo die Autos hinfahren und uns dort hinstellen, bis wir aufgerufen werden. Okayyyy.... Völlig bescheuert stehen wir nun hinter 3 Harley-Davidson-Bikern auf der Strasse mit Rucksack und Pass in der Hand und warten, bis wir an der Reihe sind. Im Gespräch mit dem schon erfahreneren Beamten können wir den verursachten Stress dann nochmals in Ruhe erklären und er schüttelt einfach nur den Kopf, als wir ihm nochmals weismachen, dass uns der Kanadier zu Fuss hierhin geschickt hatte. Ich kriege in meinen Pass den Exit-Stempel und wir gehen zu Fuss wieder retour nach Kanada, wo wir nun definitiv etwas aufgewühlt einreisen.

Waterton Lakes National Park - 2 Tage // 5. + 6. Juni

Im Waterton National Park kommen wir nach weiteren 30 Minuten Fahrt an. Da in den Kanadischen Nationalparks Eintritt pro Tag bezahlt werden muss, kaufen wir uns auch hier einen Jahrespass für 136 Kanadische Dollar - umgerechnet 102 CHF, damit können wir so lange in jedem Park bleiben, wie wir wollen.

Waterton Village selbst ist überraschenderweise ganz nett und bietet im Vergleich zu den Örtchen in den letzten paar Amerikanischen Parks einiges an. Cappuccino für Catherine, Hot-Dogs mit Fries für uns beide, einige Läden und Souvernirshops, Kanu und Bike-Rentals und etwa 4 Restaurants. Der Campingplatz direkt am See ist mit rund 30 Dollar pro Nacht inkl. Strom ebenfalls im Budget verkraftbar und so geniessen wir die ersten zwei Tage in Kanada. Im lokalen Outdoor-Shop kaufen wir nun einen richtigen Bärenspray, der im Vergleich zum aussortierten Pfefferspray nun eine Reichweite von doch immerhin 10 Metern hat.



Am zweiten Tag will ich am frühen Abend gerade zur Tür raus, da klopft es just in dem Moment von draussen. Die junge Frau hat unseren Camper schon im Glacier N.P. gespottet und auf der Webseite gesehen, dass wir die gleiche Route mit Ziel Alaska vor uns haben wie sie, und deshalb gedacht, sie klopft nun mal an.

Satte 5 Stunden und 13 Bier später schauen wir in ihrem Camper wieder einmal auf die Uhr und können kaum glauben, dass wir tatsächlich bis 1 Uhr 30 durchgequatscht haben. Mieke (28) und Tim (30) mit ihren Kids Benni (3) und Alex (1) aus Berlin sind praktisch zur gleichen Zeit wie wir in Boston gestartet, zuerst an der Ostküste bis Florida, dann wieder hoch und dann quer rüber nach Kanada gefahren. Auch sie wollen wie gesagt bis Alaska und gehen von dort via Fähre retour. Die traumhaften Parks und Monuments von Utah, Arizona und New Mexico gönnen sie sich zum Schluss ihrer Reise. Am Ende des Abends weiss ich dann auch, wer der junge Typ im Many Glacier war, der es so genossen hat, seinen Camper zwei Stunden lang in aller Ruhe zu putzen... ;-)

Da etwa 75% des Parks wegen einem Waldbrand verbrannt und somit nur ganz wenige Wanderwege offen sind, zieht es uns dann am nächsten Tag auch schon wieder weiter in den...


Kootenay National Park - 2 Tage // 7. + 8. Juni

Nach einem kurzen Stop in Cranbrook für Food und Ersatzrücklicht-Abdeckung, die wir im Glacier NP verloren haben, kommen wir nach gut 4 Stunden im Kootenay NP bei Radium Hot Springs an.

Nach Anmeldung, Bezahlung und Einparkieren auf dem Redstreak Campingplatz will ich meine Hängematte zwischen die Bäume spannen, als es vom Weg her "Redet Dir Dütsch?" tönt. "Schwizerdütsch sogar", antworte ich und so lernen wir Sepp aus dem Hoch-Ybrig kennen. Er hat unseren kleinen 'CH' Kleber unter dem Nummernschild gesehen und es darum mal probiert. Auch mit Sepp haben wir einen supertollen und lustigen Abend. Er ist Frühpensionär und reist nun mit seinem Spezial-Mercedes Sprinter 4x4 mit Camper-Aufbau durch Kanada und danach weiter in Richtung Süden.

Hier ein paar Highlights:

  • Begonnen hat seine Offroad/Reiselust schon in frühen Alter. Mit 20 ist er mit seinem Landrover Defender 6 Monate durch die Sahara gefahren, an der finnischen Grenze hat er mit Rangern Braunbären vom sicheren Tod auf der russischen Seite beschützt und durch Australien ist er auch schon getrampt.

  • Er fischt saumässig gerne und hat auch etwa 6 Angeln im Kofferraum, dabei hat er Fisch zum Essen eigentlich gar nicht so gern.

  • Weil er im Winter immer 'Ice Road Truckers' schaut, sind zwei Ziele von ihm 'Yellowknife' und 'Inuvik', beides am Arsch der Welt, Inuvik nur über 700km Schotterstrasse [Dempster Highway] erreichbar.

  • Weil er bei der Verschiffung seines Fahrzeugs die Kabine vom Rest des Campers mit massiven Aluplatten abgetrennt und geschlossen hat, hat er etliche Vorräte aus der Schweiz dabei, so z.B. ein Raclette, Fondue, Rösti, Thomy-Mayo, Bio-Tee etc.

Sepp's Reise kann man auf www.sepp-on-tour.ch verfolgen, er schreibt sehr authentische und witzige Berichte und schiesst auch tolle Fotos.

Nach einem erfolglosen Spaziergang zu den Radium Hot Springs - statt natürlichen Hot Springs wurde eine 0815-Badi hingestellt - werden wir zu Bolognese bei Mieke und Tim eingeladen, die unterdessen auch hier angekommen sind. Nach dem sehr leckeren Essen gehen Catherine und ich mit ihrem Kinderwagen Feuerholz holen, sie bringen die Kids ins Bett und gemeinsam verbringen wir einen weiteren superguten Abend am Lagerfeuer, bis um ca. 1 Uhr ihre Freunde, die sie für ein paar Wochen begleiten, ankommen. An dieser Stelle nochmals ein grosses Danke für die ausserordentliche Gastfreundschaft von Euch beiden!





Banff National Park - 6 Tage // 9. - 14. Juni

Banff National Park - einer dieser Parks, der auf den Social Media Kanälen der bekannten Outdoor-Fotografen in den Himmel gelobt wird und für tausende Likes sorgt. Mit entsprechender Erwartung fahren wir hinein. Trotz teils atemberaubender Natur werden wir leider nie wirkliche Fans davon.

Unsere Banff-Experience beginnt auf dem Tunnel Mountain Campground Nr. 1. Obwohl der Campingplatz unfassbare 640 Plätze hat, kann uns der junge Wichtigtuer-Sommerjob-Typ beim Einchecken zuerst nicht wirklich sagen, ob er einen freien Platz hat. Als ob... Wir helfen ihm ein wenig nach und er findet dann doch etwas, wir sollen es mal probieren und wenn der Platz zu eng sei, müssen wir halt woanders hin. Unser Camper ist mit seinen 20 Fuss [6 Meter] knapp länger als ein VW-Bus und dank unterdessen tausenden Kilometern Fahr- und Manövrier-Erfahrung wissen wir auch, wo wir reinpasen und wo nicht. Auf dem engen Platz, den wir kriegen passen, wir 'ämel' etwa 3x rein. Na gut.




Mit dem Gratis-Shuttle Bus lassen wir uns in die Stadt Banff chauffieren und steigen mit der Masse aus. Wieso es eine Kleinstadt mit 7800 Einwohnern mitten in einem Nationalpark gibt, wissen wir bis jetzt nicht. Sämtliche Food- und Merchandise-Ketten wie McDonalds, Starbucks, TheNorthFace, Patagonia etc. sind vertreten und nehmen dem Ort dadurch leider auch etwas den Charme. In den unzähligen Souvernir-Shops wird viel Made-in-China Zeug angeboten und von den Touristen, in deren Heimatland es produziert wird, auch gekauft. Die 'Hot Springs and Cave' beherbergen zwar eine einzigartige und nur hier vorkommende Wasser-Schneckenart, da wir aber ja Schweizer und nicht Franzosen sind, können uns diese nicht wirklich begeistern. Wir geniessen danach lieber eine feine Pizza in einem propevollen Restaurant und schliessen damit unseren Downtown-Banff Besuch ab.





Am nächsten Tag fahren wir zuerst zum Lake Minnewanka, wo wir im Juni tatsächlich in einen leichten Schneeregen geraten. Der See ist sehr sehenswert, doch der bissige Wind treibt uns bald wieder in den warmen Camper.






Nach einem kurzen Lunch geht es weiter zum nächsten Gewässer, den Grassi-Lakes. Auf dem vermeintlich schwierigeren Weg laufen wir hoch und werden oben mit dem allerschönsten Farbenspiel im Wasser empfangen.





Der berühmten Lake Louise ist hingegen eine grobe Enttäuschung. Da der Parkplatz am See komplett voll ist, parkieren wir etwas weiter unten bei einem Picknick-Platz und laufen 20 Minuten hoch. Dort angekommen trauen wir unseren Augen kaum. Ein riesiger Hotelkomplex steht keine 100 Meter vom Seeufer, davor gibt es eine gepflasterte Promenade mit Hunderten Touristen und es herrscht ein Lärm und Betrieb wie an der Fasnacht. Die Aussicht auf den See und den Gletscher ist sehr schön, doch der Ansturm an Leuten und der hässliche Betonklotz im Hintergrund lässt das Geniessen kaum zu.




Der Moraine Lake hingegen ist wieder sehr idyllisch. Über Schwemmholz klettern wir auf die Aussichtsplattform und da es bereits 21 Uhr Abends ist, sind nur noch sehr wenige andere unterwegs.




Durch den Yoho National Park fahren wir am Folgetag zum Northern Lights Wolf Sanctuary im Ort Golden. Ein Liebhaber-Paar bietet hier etwa 10 Wölfen ein sicheres und angenehmes Zuhause. Die Tiere stammen zum Teil aus anderen Sanctuaries, von Privaten, die sich mit ihrer Haustier-Auswahl übernommen haben oder sonstigen Orten, an denen es ihnen schlechter gehen würde. Während einem 30-minütigen Vortrag erfahren wir viel Neues und ich habe danach ein ganz anderes Bild von den Tieren.


Jasper National Park - 3 Tage // 15. - 17. Juni

Vom Mosquito Creek Campground, der seinem berüchtigten Namen zu unserem Glück keine Ehre macht - es hat praktisch keine Moskitos - geht es auf dem Icefield Parkway in den Jasper NP. Die bekannte Strasse wird oft als eine der schönsten Strecken in Nordamerika beschrieben. Am Peyto Lake machen wir unseren ersten Halt.




Eine weiteres Highlight auf etwa halber Strecke sind die besonders imposanten und nahen Gletscher am Columbia Icefield. Dort geht es jedoch leider mit der absolut unverständlichen kanadischen Nationalpark-Un-Logik weiter. Mit 8-rädrigen Monstertrucks kann man sich für 180$ pro Person auf den Gletscher fahren lassen, dort Selfies knipsen und dann wieder retourfahren. Zu Spitzenzeiten stehen so bis zu 6 dieser Trucks mitten auf dem Eis und jeder einigermassen klar denkende Mensch fragt sich, wer ursprünglich so einen Schwachsinn erlaubt hat.


Etwas später die Strasse runter zeigt sich erneut, welche Art von Touristen solche bescheuerten Attraktionen eben anziehen. Ein fressender Schwarzbär steht direkt am Strassenrand und keine 2 Meter daneben - ja, ausserhalb des Autos - ein junges Paar, dass sich mit dem Bären im Hintergrund ablichten lässt. Daneben stehen einige Andere um es ihnen gleich zu tun und keinem ist offensichtlich bewusst, wie falsch sie sich alle verhalten.



Rasch fahren wir vorbei, weiter zum Wapiti CG beim Ort Jasper selbst. Wir schlafen einmal Pfui - auf einem Asphalt-Parkplatz zwischen zwei riesen Anhängern eingepfercht - und einmal Hui - im Grünen mit dem Fluss im Hintergrund.

Der besagte Ort Jasper ist bedeutend kleiner wie Banff und dank lokalen Restaurants gleich etwas sympatischer. Bei Sonnenschein geniessen wir in einer Outdoor-Bar Fries und Chicken Fingers und ich schaue durchs Fenster meine ersten und einzigen Weltmeisterschafts-Fernsehminuten.

Abgeschlossen wird unsere Nationalpark-Tour mit einem Hike im sehr engen, tiefen und kühlen Maligne Canyon.




Unser Fazit zu den beiden Nationalparks Banff und Jasper

Die Natur bietet in diesen Parks eine unglaubliche Schönheit. Leider hat es der Kanadische Staat jedoch verpasst, diese wertvollen Orte zu schützen und nun werden sie von Touristen überströmt, die nicht wissen, wie sie sich dort zu verhalten haben. Die meisten interessiert es wohl auch nicht, welchen ökologischen Abdruck sie hinterlassen, denn Konsum wird fast an jeder Ecke angeboten und gefördert. Während die profit-orientierten Unternehmen momentan noch abkassieren, erhält der Kanadische Staat in ein paar Jahren garantiert eine andere Quittung für den relativ sorglosen Umgang mit der wertvollen Region. Wieso genau braucht es in einem National Park DREI Nachtclubs?



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