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  • mattia

014 - Colorado

Bären, Elche, vereiste Bergseen, Schneeberge, Pizza in einer Blockhütte und ein Nagel im Pneu - auch in Colorado wird es uns nicht langweilig.

Unser Trip durch den zehnten Bundesstaat beginnt im Black Canyon of the Gunnison National Park - auch wir haben davon noch nie was gehört. Dass sich hierhin nicht viele Touristen verirren, schon gar nicht an so kalten, schneeregnerischen Frühlingstagen wie heute, stellen wir fest, als wir unsere obligaten 5 Runden auf dem Campingplatz drehen. Dieser ist sehr spärlich besetzt und das bei unschlagbaren Preisen von 14$ pro Nacht. Wir leisten uns nach der bisher längsten Phase ohne Stromanschluss - 20 Tage - natürlich wiedermal die Dose und lassen so die Heizung am Abend etwas länger als sonst laufen [Camper-Heizungen wie unsere sind Batterie-Fresser No.1].






Am sonnigen nächsten Tag gehen wir dem Schluchtrand entlang eine sehr lange Meile zum Visitor Center, schauen mit den anderen zwei Paaren, beide natürlich im Rentenalter, den 20-minütigen Informationsfilm und wissen danach, wieso der Park ein Park ist und wer Mr. Gunnison war. Da es nebst den paar Aussichtspunkten entlang der einzigen Strasse hier nicht viel mehr zu tun gibt, fahren wir am Tag darauf auch schon wieder weiter nach Aspen.

Das St. Moritz/Zermatt von Colorado erreichen wir nach einer dreistündigen Fahrt durch 'alte' Kohleminen-Dörfer und entlang traumhaft schönen Tälern voller blühenden Wiesen. Obwohl in Aspen an den steilen Hängen noch überall Schneefelder liegen, stehen die Skilifte still. So ist in der Kleinstadt nicht wirklich viel los und die Zwischensaison wird dafür genutzt, die vielen im Winter entstandenen zentimetertiefen Schlaglöcher in den Strassen zu reparieren. An einer sonnigen Ecke finden wir eine Bar, in der wir Local-Beer und Nachos with Cheese bestellen und das wenige Geschehen an der Kreuzung beobachten.

Da wir in Aspen selbst keinen geeigneten Übernachtungsplatz finden, die Vorschläge der netten Dame vom Chamber of Commerce waren alle normale Parkplätze vor Wohnungssiedlungen, fahren wir nochmals 40 Minuten nach Glenwood Springs. Nach langem wiedermal auf einem Walmart, beenden wir den Tag mit Lo-Mein Noodles vom China-Restaurant. Yummy.


Quer durch die Rocky Mountains klettern wir über die sinnlos hohen Pässe Colorados. Mit Tempo 55 [immerhin] tuckert Henry auf der äussersten rechten Spur auf einen 3401 Meter hohen Pass und überholt dabei sogar den ein oder anderen schwer beladenen Vierzigtönner. Die Strassen sind auf Passhöhe meist sehr rumplig und haben fiese Dellen. Das liegt daran, dass hier im Winter Schneekettenpflicht herrscht und so die LKWs entsprechende Dellen in den Asphalt drücken. Beim Hintersausen auf der anderen Seite treten wir nur dann auf das Bremsepedal, wenn die Tachonadel über 75 mph [125kmh] zeigt und versuchen so, die Überhitzung der Scheiben und Backen in Grenzen zu halten.




Das ehemalige Goldgräber-Städtchen 'Idaho Springs' erscheint uns beim Vorbeifahren als interessant, deshalb legen wir hier einen kurzen Stop ein. Im Tee, Salz und Gewürzshop bestellen wir einen Apple-Pie- und Hibiscus-Tee zum Mitnehmen und lassen uns beim Warten von der jungen Besitzerin erzählen, wieso hier so viel los ist. Sie klärt uns auf, dass 'Idaho Springs' vor oder nach den vielen hohen Bergen das erste wirkliche Kaff ist, indem es Food und Booze gibt und darum viele Durchreisende hier ihre Mägen wiederauffüllen. Das Stalvedro von Colorado also.






Nach den vielen Tagen im meist absoluten Gaggo in Utah sind wir uns einig, dass wir zwischendurch einfach auch Mal Stadt brauchen. So quartieren wir uns in Boulder auf dem County Fairgrounds Campingplatz ein, der zwar nicht mega charmant ist, aber für 22$ pro Nacht saubere WCs zum Spülen, grosszügige Duschen, Strom und vor allem auch guten Handy-Empfang bietet. Bei traumhaftem Wetter schneiden wir auf dem Picknick-Tisch im Schatten des Baumes, dessen Blüten so furchtbar an den Socken kleben bleiben, unsere ersten Videos des Abenteuers zusammen und surfen auch manchmal einfach wiedermal stundenlang im Internet.


Downtown Boulder gefällt uns auch sehr gut. Überall sitzen schlechte Strassenmusiker, denen es egal ist, welch schräge Töne sie rausposaunen, in den Gartenbeeten strahlen die farbigen Tulpen in Reih und Glied um die Wette und auch die demographische Mischung der Leute auf der Strasse entspricht uns wieder mehr, als in den hinterwäldlerischen Nirgendwos.



Aufgefüllt mit Gas, Benzin, Food, Trinkwasser und Köpfen voller Social Media Posts geht es weiter in den Rocky Mountains National Park, der nur etwa eine Stunde von Boulder entfernt ist. An der letzten Tankstelle vor dem Park kaufen wir noch Feuerholz für unsere T-Bone Steaks resp. Chicken-Filets, denn herumliegendes Holz zu sammeln ist in den meisten National Parks verboten.




Bei der Rückkehr vom Visitor Center am späteren Nachmittag - wir mussten noch ein paar Folgen unserer aktuellen Netflix-Serie 'Breaking Bad' herunterladen und Empfang gab es nur dort - stehen in einer unscheinbaren Kurve plötzlich ganz viele Autos auf der Strasse und im Graben. Ich am Steuer verlangsame und Catherine erkennt vom Co-Piloten-Sessel zwei Schwarzbären in etwa 50 Metern Entfernung. Voller Freude stellen auch wir Henry irgendwo hin, wo er nicht komplett den Weg versperrt und steigen rasch die Böschung hoch zu den anderen Beobachtern. Aus sicherer Distanz geniessen wir voller Euphorie unsere erste Bärensichtung und finden es auch sehr schön, dass alle der Bärenmutter und ihrem Yearling genug Raum lassen. Dass die Mutter sehr wohl weiss, dass Menschen in der Nähe sind, merken wir als sie kurz auf die Hinterbeine steht und man toll die wirkliche Grösse des Tieres sehen kann. Was für ein Erlebnis!






Tag 2 im Park verbringen wir in den Wanderschuhen. Zehn Meter vom Parkplatz des Trails entfernt stapfen wir schon im Schnee, welcher während den ganzen nächsten 4 Stunden unser Untergrund bleiben wird. Emerald Lake, Dream Lake und Bear Lake sind die einfallsreichen Namen der Bergseen, die auf unserer Route liegen und einer ist schöner als der andere. An den Stellen, an denen es genug steil ist, gleite ich in bester Skifahrer-Manier/Rekrutenschule-Alpinausbildung geschmeidig den Hang runter, etwas was die Amerikanischen Wanderer scheinbar nicht kennen. Catherine muss sich jedesmal fast entschuldigen und den geschockten Gesichtern erklären, dass ich absichtlich so herunterschlittere.










Da es auf der Strasse quer durch den National Park noch zu viel Schnee hat, müssen wir für unser nächstes Ziel einen weiten Bogen um den ganzen Park herum machen. Über einen weiteren Pass, der fast so hoch wie das Jungfraujoch ist, kommen wir ins 2000-Seelen-Dorf Walden.



Hier treffen wir bei Tara, der Chief-Rangerin vom Arapaho Wildlife Refuge Helen und Jürg und verbringen die nächsten beiden Tage zu fünft, resp. sechst mit Labarador 'Tug'. Nach herzlicher Begrüssung im Café 'mit dem Elch vornendran' fahren wir ins Refuge und stellen Henry auf den perfekt gelevelten Standplatz hinter dem kleinen aber charmanten Häuschen von Tara ab. Über eine kilometerlange Schotterpiste fahren wir abends mit dem Tara's rotem Jeep zu einer grossen Blockhütte, in der es Pizza aus dem Holzofen gibt.

Dass Walden tatsächlich das 'Moose Capital of Colorado' ist, beweist sich beim Einbiegen in die Einfahrt, wo wir gleich 6 Elche sichten. Erst als 'Tug' bellend aus dem Haus rennt, scheuen sie auf und traben so elegant davon, wie es eben nur Elche können.




Steamboat Springs steht auf der Programmliste für den kommenden Tag. Wieder auf Schotterpisten mit Tara's Jeep unterwegs, sehen wir auf dem einstündigen Weg in die Stadt viele Pronghorn-Antilopen und sogar drei jagende Koyoten. Nach einem kurzen Spaziergang zu den Fish Creek Wasserfällen, die man auch in der Schweiz Wasserfälle nennen würde [das war bei den meisten bisherigen 'Falls' nicht der Fall, waren es doch oft mickrige Bergbäche, die über einen mickrigen Stein plätscherten], zeigt der Bord-Computer an, dass ein Hinterreifen an Taras Jeep, den sie im Dezember 17 neu gekauft hat, fast keine Luft mehr hat. Die Diagnose ist schnell erstellt: 7cm Nagel bis zum Anschlag im Pneu versenkt. Ich google rasch den nächsten Jeep-Dealer, der glücklicherweise nur etwas mehr als eine Meile entfernt ist. Dort angekommen bangen wir schon, dass wir heute noch mehr Pech haben, denn in der Garage, wo 'Service' steht, werden an diesem Samstag Hamburger gebruzelt statt Autos repariert. Der junge Mann, der uns gleich anspricht, klärt uns zur Erleichterung auf, dass sie jeden Samstag ein solches BBQ veranstalten und der Reifen in einer Stunde für 25$ geflickt wird. In der Zeit könnten wir uns gerne verpflegen, selbstverständlich gratis. Nach Burgers und Chips gehen wir zu Fuss in die nahegelegene Stormy-Peak Brauerei und schlagen die Zeit in ganz angenehmer Atmosphäre tot. Zurück in Walden sehen wir noch einmal fünf Elche, essen Pork-Steaks mit feinem Radieschen-Romaine-Salat und beenden den Abend auf dem Sofa mit John Wayne, 'Rio Bravo' und ein paar weiteren Beers.




Bevor wir Walden verlassen, stärkt uns Tara vor der Abfahrt noch mit einem sehr guten und währschaftem Zmorge, selbst-geschlachtetes Antilopen-Hackfleisch [die gleichen, die wir am Tag zuvor noch so begeistert fotografiert haben] in Rührei mit Toast. Dann nehmen Helen und Jürg den Abzweiger in Richtung Süden, wir in Richtung Norden, und wie in Santa Fe haben wir auch hier wieder das ein oder andere Tränchen im Auge. Da sie bald in die Schweiz fliegen, treffen wir sie wohl erst wieder, wenn unser Trip vorbei ist - was momentan noch völlig unvorstellbar und sehr weit weg ist.

Nach kurzem Auftanken an einer Tankstelle, an der just im gleichen Augenblick zwei Bündner mit ihren Harleys hinfahren, lassen wir auch Colorado hinter uns und fahren auf dem einsamen Highway gegen Norden in Richtung Wyoming und Yellowstone National Park.

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