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  • mattia

013 - Utah

Northwestbound heisst unser Blog/Tagebuch ja, weil unser fernes Ziel Alaska und der Weg dahin ist. Nach einer ganzen Weile 'west'-bound wird mit unserem neuntem Bundesstaat Utah nun auch das 'north' endlich mal erfüllt.

Obwohl die meisten Grenzen der westlichen Bundesstaaten mit dem Lineal gezogen wurden, haben wir hier das Gefühl, dass sich die Szenerie bereits einige Kilometer nach dem 'Welcome to Utah' deutlich von der in Arizona unterscheidet. Arizona war für uns entweder Rot - in der Wüste/im Flachland oder Grün - in Flagstaff oder auch um den Rim am Grand Canyon. Utah hingegen ist irgendwie eine Kombination davon.

Zion National Park heisst der nächste Park auf unserer To-Do-Liste. Unsere beiden Schweizer Kollegen Mike und Manuela haben ganz begeistert davon erzählt und uns auch über die Camping-Situation aufgeklärt. Mit der entsprechenden Planung machen wir uns vom Lake Powell via Kanab auf in Richtung Park.

Nach zwei Stunden angenehmer, verkehrsarmer Fahrt kommen wir am Eingangs-Häuschen an, wo uns ein ernster, aber freundlicher Ranger mit Schnauz begrüsst und unseren Annual-Pass kontrolliert. Dieser Pass ist quasi das Jahresabo für alle National Parks der USA und erlaubt es uns, so oft in alle Parks rein und rauszufahren, wie man möchte. Für uns ganz praktisch, wie wir bei diversen anderen Gelegenheiten noch feststellen werden.

Den Ranger fragen wir bei der Gelegenheit gleich noch, ob er weiss, ob es auf dem Campground freie Plätze hat, worauf er verneint und uns darauf hinweist, doch direkt beim Camphost nachzufragen. Gesagt, getan. Auf der wunderbar hellrot geteerten Strasse tuckern wir mit Tempo 30 den oberen Teil des Parks runter. Schneller geht es vor allem deswegen nicht, weil hinter jeder dritten Kurve irgend ein Reh oder ein Steinbock plus ein dazugehöriger fotografierender halb aus dem Fenster fallender Autofahrer steht.



Bevor wir ins Tal runter kommen, müssen wir uns noch vor einem Tunnel in die Schlange stellen. Als dieser vor mehr als 100 Jahren gebaut wurde, wurde nicht mit den Dimensionen der heutigen Pick-Up Trucks und RVs gerechnet und deshalb kann er heute nur noch one-way befahren werden. Nach 5 Minuten sind wir dann aber auch schon an der Reihe und im Konvoi geht es durch den stockdunkeln Stollen weiter hinab. Auf dem Campingplatz bestätigt uns dann der Camphost, dass es immer ein paar freie Plätze gäbe, wir sollten einfach zwischen 7 und 8 Uhr morgens hier sein. Ja gut.

Von unserem BLM-Schlafplatz etwa 30 Minuten ausserhalb des Parks machen wir uns am Morgen darauf schon um 04:30 Uhr auf die Socken und stehen um 05:10 Uhr hinter zwei anderen Autos, die noch früher als wir dort waren, an. Wir warten, schauen unsere Netflix-Serie Breaking Bad, beobachten den Campingplatz beim Erwachen und wie alle Zelt-Camper zuallerst aufs WC schlurpen. Erst um 08:40 Uhr gibt es wieder Action. Der Host taucht bei der Bezahlstation auf und vergibt die freien Plätze fair der Reihe nach. Mark, der Mitte-Fünfziger im Subaru vor uns, muss seine Batterie noch kurz mit der Powerbank aus dem Costo [CC Prodega der USA] jump-starten, denn nachdem er zwei Stunden lang sein Handy am 12V Outlet geladen hat, ist diese nicht mehr so frisch. Dieser Mark, der in Freiburg studiert hat und noch ein paar Brocken Deutsch kann, ist auch gleich unser Nachbar auf Platz 110.

Nach einem nicht so kurzen Power-Nap nehmen wir den Shuttle-Bus und lassen uns ins Tal chauffieren. In 40 Minuten fahren wir zuerst ganz nach hinten zu den Narrows und steigen dann auf dem Retourweg bei den Emerald Pools aus, die wir nach einer Meile spazieren erreichen.


Von Mark erfahren wir am Abend dann, dass er aus Washington [dem Bundesstaat] 19 Stunden hierhin gefahren ist und seine Woche mit Klettern verbringen wird. Sein Kollege Ted aus Seattle, den wir auch noch kennenlernen werden, ist unterwegs und kommt irgendwann in der Nacht an. Wir sprechen auch über unsere Pläne - 'Angel's Landing' und 'The Narrows' - beides hat Mark auch schon gemacht. Als er unsere Wanderstöcke für die Flusswanderung in den Narrows sieht, winkt er ab und holt zwei 2m Pfähle aus dem Kofferraum. Wir sollen diese mitnehmen, damit seien wir besser dran. Wie recht er damit hatte, stellen wir 12 Stunden später fest.


Um den Touristenströmen halbwegs zu entgehen, setzen wir den ersten Fuss um 09:30 Uhr in den kalten Fluss und sind gleich von Beginn an froh, statt unseren Klöpfer-Brötel-Stecken die Hilfsmittel von Mark dabei zu haben. Mit einigen Anderen watten wir stromaufwärts, teils durch knöchelhohes, teils durch oberschenkelhohes Wasser und nutzen jedes trockene oder sogar sonnige Uferstück, auch wenn dieses nur 3m lang ist, um uns wieder ein wenig aufzuwärmen. Aus eigener Entscheidung und von Mark bestätigt, haben wir nämlich darauf verzichtet, uns für 45$ wasserdichte Hosen im Windel-Look und Adidas-Wanderschuhe, ebenfalls wasserdicht, zu mieten.





Nach etwa drei Stunden und einer kurzen Lunch-Pause kehren wir um und gehen flussabwärts bedeutend einfacher zurück zu unserem Startpunkt. Da es nun bereits nach 12 Uhr ist und damit die Wander-Prime-Time begonnen hat, haben wir auf dem ganzen Rückweg immer wieder etwas zum Schmunzeln. Da gibt es Eltern in den Windelhosen, die ihre Kinder wohl sehr gut kennen und sie gleich von Beginn an in komplette Taucheranzüge stecken, solche, die bis ans Limit gehen und statt einem kurzem Umweg lieber bis Brusthöhe den 'Weg-ins-Ziel-Direkt' wählen oder auch vollmotivierte, die 'barfuss' und ohne Stock herumstolpern.

Am lustigsten ist aber ohne Zweifel das ältere aktive Ehepaar auf halbem Weg. Er, ca. 60 mit Glaze und Schnurrbart gehrt voraus, sie hinterher. Als er merkt, dass wir schneller sind, lässt er uns vor und wirft uns den unbezahlbaren 'ihr habt es so gut/ich kann nicht mehr' Blick zu, den wir zwei Sekunden später noch besser verstehen. Seine Frau gibt sich zwar solche Mühe, hat aber leider einfach wirklich kein gutes Gleichgewichtsgefühl und klatscht vor uns direkt ins Wasser. Beim Versuch wieder aufzustehen, setzt sie sich gleich nochmals hin und er, die Hoffnung wohl schon lange aufgegeben, reagiert schon gar nicht mehr. Grandios.

Angel's Landing ist der klangvolle Name der Wanderung am nächsten Tag. Im Zick-Zack geht es gleich von Beginn an sehr steil dem Felsen entlang bergauf. Von einem Plateau aus, auf dem unzählige kleine Chipmunks herumsurren, sehen wir den letzten Abschnitt und Catherine entscheidet sich, mit anderen Freundinnen hier auf mich zu warten.




Was in der Schweiz als Klettersteig nur mit Sicherung, Helm und Führer erlaubt wäre, wird hier leider in höchstem Masse unverantwortungsvoll als normale Wanderung empfohlen.




An der engsten Stelle geht es auf beiden Seiten ohne Geländer oder dergleichen etwa 400 Meter das Loch runter und nahezu ohne Pause begegnet man Alten und Jungen, die sich zitternd und mit voller Selbstüberschätzung die Stahlketten heraufziehen. Am allerschlimmsten ist jedoch ausser Frage der Vater, der sein etwa 11-jähriges Mädchen im körperlangen Rock über die Steine hüpfen lässt, sie völlig in ihrer eigenen Welt und er sich hoffensichtlich überhaupt nicht dem Risiko bewusst, mit dem sein Kind unterwegs ist.




Zurück auf dem Campingplatz gönnen wir uns zuerst einmal eine Pause, bis unsere Kletter-Nachbarn zurückkommen. Mark steigt an Gehstöcken vom Beifahrersitz des Subarus aus, das rechte Bein eingegipst und sogar mit einigen blauen Flecken im Gesicht. Schockiert fragen wir gleich, was passiert sei, worauf er trocken antwortet, er sei in der Wand gestürtzt und habe sich dabei den Knöchel ausgerenkt. Gebrochen sei nichts, deshalb sei's nicht so tragisch. Ted, sein Kollege kommt in der gleichen Zeit bereits auf uns zu und fragt uns ohne vorher ein Wort mit uns gewechselt zu haben, ob wir starke Mägen hätten, während er in seiner Handy-Gallerie bereits die Bilder vom Spital sucht. Yikes.

Im anschliessend doch noch stattfindenden Gespräch mit dem äusserst symphatischen Feuerwehrmann erfahren wir, dass Mark etwa 10 Meter heruntergefallen ist und sich so verletzt hat. Da die beiden eine zweitägige Tour geplant hatten und das Ganze am Ende des ersten Tages passiert ist, war es dann schon zu spät um sich abzuseilen und so musste Mark mit ausgerenktem Knöchel mitten in der Wand die Nacht über biwakieren. Da sie am nächsten Tag gleich runter sind, hängen nun noch 50 Kg Kletterausrüstung in der Route, die abgeholt werden müssen. Ted witzelt noch, er könne einen Swiss-Mountain-Climber gebrauchen, doch ich denke nicht einmal daran. Die Schwiegertochter von Mark, ebenfalls Kletterin, ist sowieso bereits unterwegs und kommt wenige Minuten später auch an, um dann mit Ted am Morgen darauf wieder hinaufzuklettern, und die teure Ausrüstung zu bergen.

Vom Zion mit seinen hängenden Gärten, der wegen den interessanten Leuten, dem Parkangebot, der Natur und auch dem Wetter unser bisheriger Favorit unter den National Parks, ist geht es für uns erneut durch das one-way Tunnel weiter zum Bryce Canyon National Park.

Während im Zion aufgrund der Gegebenheiten fast nur aktive Outdoor-Touristen unterwegs sind, ist der Bryce Canyon genau das Gegenteil davon. Hier gibt es wieder Car-weise Asianten, Franzosen oder Holländer, die vor allem fotografieren, was bei der unglaublich schönen Aussicht auch bei uns nicht anderst ist.




Vom Campingplatz, der $30 kostet und dafür ausser WCs, einem Tisch und einem Feuerring auf dem Platz des Nachbars nichts bietet, sind wir mässig überzeugt. Wir fahren die 18 Meilen-Strasse ab, halten an den Pull-Outs an und schiessen Fotos. Auf eine Wanderung haben wir nicht schon wieder Lust und deshalb gibt es für uns hier nicht viel mehr zu tun, als über den Renter zu lachen, der eher ein Katzen- als ein Hundemensch ist und deshalb sein Kitty an der Leine herumführt oder auch über den Busdriver, der aufgrund des nicht funktionierenden Mikrofons hilflos versucht, die Haltestellen in den sinnlos langen Bus zu brüllen [wobei wir es in der ersten Reihe schon kaum verstehen].




Durch das Grand Staircase Escalate National Monument und den Capitol Reef National Park erreichen wir die Natural Bridges, ebenfalls ein National Monument. Dieser Teil der USA gehört zu den am dünnsten besiedelten Regionen. Die meiste Zeit völlig einsam fahren wir zwei Tage lang durch nichts ausser unberührter Natur. Dichtestress existiert hier noch nicht und wird es wohl auch nie. Die beiden Highways Utah 12 & 95 nehmen wir auch in unsere Favoritenliste auf.












Nach einem kurzem Schwenker im Monument Valley, das wir über eine sehr abenteuerliche Schotter-Pass-Strasse erreichen, schliessen wir unseren National-Park-Circle in Moab ab, dem Mekka für Mountainbiker, Kletterer, Kanuten und vor allem auch Offroadern. Wo man nur hinschaut stehen Jeep's, Ford's oder Toyota's dreckig, mit riesigen Rädern, megahohen Federn, meist ohne Dach und garantiert mit einem Mann mit breitestem Grinsen auf den Zähnen. Auch mein Männerherz schlägt hier höher und ich überlege mir, welche Offroad-Spezifikationen man an Henry Ford anbringen könnte.





Da wir für einmal relativ spät unseren Schlafplatz suchen, werden wir erst beim allerletzten Campingplatz fündig und wir können uns den zweitletzten freien Platz sichern. Wie es der Zufall will, sind unsere Nachbarn ein Deutsches Ehepaar, wobei er als Gipser, Plattenleger wohl der Pragmatiker ist und gleich sein Firmen-Kastenwagen inklusive Aufschrift 'mengulator.de' ausgebaut und verschifft hat. Was ein Mengulator ist, finden wir leider nicht raus...

Doch dieser Zufall soll in Moab nicht der letzte gewesen sein.


Beispiel 1: Dass es hier praktisch nie regnet, erkennt man daran, dass das WC auf dem Campground kein Dach hat, sondern einfach eine Schüssel mit vier Holzwänden ist. Trotzdem tut es genau das am nächsten Tag.


Beispiel 2: Beim Verlassen unseres Schlafplatzes am zweiten Tag sehen wir am Strassenrand einen roten Mercedes-LKW-Camper mit BL-Nummernschild. Durchs Fenster wechseln wir mit dem Freigeist aus Arboldswil ein paar Worte. 'Wohin geht's noch?' 'Hier nun ein wenig klettern, dann weiter nach Colorado und von dort aus in Richtung Süden. Also Südamerika.' Ok, das ist doch mal ein Plan.






Bevor wir Utah wieder verlassen, bestaunen wir noch die Steinbögen im Arches National Park, fragen uns, ob alle Chinesen so laut miteinander sprechen und kreuzen - wir können es kaum fassen - unsere Schweizer Kollegen Mike und Manuela als wir in den Canyonlands N.P. fahren und sie aus dieser Richtung kommen. Zuletzt haben wir sie im Bandelier N.M. gesehen, was in europäischen Verhältnissen Basel - Amsterdam entspricht.





Durch ein letztes enges Tal dem Colorado River entlang fahrend verabschieden wir uns vom roten Gestein, dass wir nach zwei Wochen doch auch langsam gesehen haben und freuen uns auf Colorado, Schnee und die Rocky Mountains.

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