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  • mattia

010 - Texas

1570 Meilen in 11 Tagen - wir haben in den ersten gut zwei Wochen ein ordentliches Tempo hingelegt. Und nach der nächsten Etappe wird uns noch klarer, dass wir es künftig etwas langsamer und gemütlicher angehen wollen. Vom Golf von Mexico fahren wir nämlich an einem Tag nochmals ganze 311 Meilen [497 Kilometer] nach Austin, Texas.



Bevor wir auf die verkehrsreiche und anstrengende Interstate-10 gelotst werden, zeigt sich der Staat Louisiana nochmals von seiner schönsten Seite. Die Strasse führt uns an einem Sonntag-Morgen durch ein verschlafenes Fischerdorf mit alten, rostigen Kuttern, über eine 1$ teure und 90 Sekunden dauernde Autofähre [die mehr Möwen als Autos transportiert] und entlang so dünnen Sandstränden, dass wir manchmal meinen, nun gleich auf den Wellen zu surfen. Nach einer Stunde Fahrt überqueren wir eine lange Brücke und werden in Port Arthur vom Schild „Welcome to Texas“ empfangen.


Da wir von unserem letzten Spot wieder mal los sind, ohne zu wissen, wo wir in ein paar Stunden übernachten werden - Austin, das war als Einziges klar - versuchen wir nach Houston in einem State Park noch kurz einen Platz für die Nacht zu reservieren. "Sorry, we are already full", kriegen wir als Antwort am Ohr zu hören.


Da wir keine 35$ pro Nacht für einen privat geführten Campingplatz ausgeben wollen und alle Boondocking-Gastgeber zu weit ausserhalb der Stadt wohnen, finden wir uns damit ab, zum ersten Mal auf einem Walmart-Parkplatz zu schlafen [dies wird von den meisten Walmarts offiziell geduldet, denn sie haben ohnehin oft 24h geöffnet].

Zu unserer Erleichterung stehen bei unserer Ankunft schon diverse Camper dort und wir fühlen uns dadurch nicht ganz so komisch. Während wir unsere täglichen Geldausgaben notieren [die heutige 7 stündige Fahrt kostet uns 110$, too much für einen Tag, wie wir uns einig sind] fahren immer mehr RV's neben, hinter und vor uns hin. Obwohl alle gleich die Vorhänge zuziehen und dahinter verschwinden,

zeigt für uns die Tatsache, dass alle Camper in einem Umkreis von etwa 50 Meter stehen, dass die gegenseitige [Nicht-]Gesellschaft eben doch irgendwie geschätzt wird und dass aufeinander geschaut wird.


Um möglichst inkognito zu bleiben, kochen und essen wir noch bei Tageslicht, schauen ab dem Eindunkeln die Netflix-Serie 'Dark' und schalten das Licht nur noch kurz zum Zähneputzen ein. Auch der lärmige Highway 20 Meter neben dem Parkplatz hindert uns nicht am Einschlafen - ein wenig haben wir uns eben schon ans Leben 'auf der Strasse' gewöhnt.



Nach einer erneut sehr kalten Nacht gönnen wir uns beide den Luxus einer heissen Dusche - ja immer noch bei Walmart - und fahren dann in die Innenstadt. An der Baylor Street schauen wir uns die HOPE Outdoor Gallery an, essen im Word-of-Mouth Frühstück und schlendern dann an unzähligen sehr heissen Restaurants und Bars vorbei.





Da gerade das South by Southwest Filmfestival ist, sind die Strassen gefüllt mit mehrheitlich jungen, kreativ-aussehenden Leuten aus der ganzen Welt. Es werden gratis T-Shirts verteilt [Tinder], bei einem Foodtruck gibt es Free-Snowcones [Eis mit Sirup] und an jedem Ecken läuft was. Wir sind begeistert von der Stadt.




Am späteren Nachmittag ziehen uns Hunger+Parkuhr wieder zum Auto und wir fahren zu einem typischen Austin-BBQ-Schuppen namens 'Black's'. Seit drei Generationen wird hier das beste texanische Fleisch zubereitet. Dass vor uns ein fülliger Cop bestellt, bestätigt uns: hier sind wir richtig.



Am Tresen erklärt uns der junge Angestellte das Angebot und wir ordern: 1/4 Pound Chicken, 1/4 Pound Brisket, 3 Spare Ribs, Cole-Slaw und Potato-Salad. Unsere Bestellung nimmt er jeweils noch in ganzen, riesigen Stücken direkt aus dem Wärmeofen und schneidet sie auf einem grossen Holzbock direkt vor unserer Nase für uns ab. Wir müssen uns zurückhalten, nicht noch 1/4 davon, davon und davon zu bestellen, so sehr läuft uns schon das Wasser im Mind zusammen. "Some White-Bread?" fragt er uns nach dem Bezahlen [rund 30$ kostet heute der Himmel auf Erden], wir sagen gerne und er packt noch 5 Scheiben Toast auf unser Tablett. In den nächsten 20 Minuten schalten wir beide auf stumm und geniessen nur noch, was vor uns liegt. Yummmmm.




Obwohl uns der Abschied schwer fällt, taumeln wir mit vollem Magen dann wieder zum Auto. Beim Einsteigen sitzt vor uns ein junger Strassenpenner, der fragt, ob wir ihn mitnehmen können [wohin sagt er nicht], er bezahle uns auch. Wir winken ab und scheinbar über unsere negative Antwort überrascht, beflucht er uns lautstark. Er habe einem Typen doch 20$ von New Orleans bis hier gegeben [Strecke Austin -New Orleans = Basel - Zürich 9x] mehr verstehen wir dann nicht.

Beim Spaziergang im Zilker-Park benötigt unser Körper die eigenen Ressourcen noch immer zum Verdauen des köstlichen BBQs, deshalb beschäftigen wir uns mit eher weniger sinnvollen Tätigkeiten wie dem Zählen aller Hunde, die wie sehen [25] und dem Beobachten einer Ameisen-Kolonie. Die Nacht verbringen wir beim gleichen Walmart und treffen wiederum einige bekannte Unbekannte von der gestrigen Nacht an.


San Antonio erreichen wir am nächsten Morgen innert knapp einer Stunde. Obwohl die Stadt auch sehr viel zu bieten hat, ist es die schiere Masse an 0815-Touristen, die sie im Vergleich zu Austin für uns einiges unattraktiver macht. Am Riverwalk, eine der Hauptsehenswürdigkeiten, schwimmt alle 30 Sekunden ein vollgepacktes Boot vorbei und jeder Captain/Tourguide erwähnt die gleichen Anekdoten und Gebäude-Jahreszahlen, die sich sowieso niemand merkt. Wir drehen trotzdem eine Runde - zu Fuss.



Abends lernen wir bei Boondocking-Gastgeber Gary eine Familie kennen, die ebenfalls wie wir als Gast dort nächtigt - im Vergleich zu uns aber ganze fünf Tage lang. Randy & Catherine mit den Kindern Benjamin und Lucinda wohnen seit Januar full-time in ihrem riesigen Anhänger und lebten davor eine Zeit lang in Deutschland. Die Kids sprechen deshalb ganz stolz Deutsch mit uns. Nach einer kurzen Tour in ihrem Camper verabschieden wir uns bald wieder - unsere Suppe auf dem Herd sollten wir eben doch nicht zu lange alleine lassen - und geniessen dann eine stille Nacht auf der Ranch.


Pflichtprogramm in San Antonio ist auch 'The Alamo' [selber Wikipedia-en, was das ist], wir schauen es uns wieder mit einer scheinbar noch grösseren Zahl Touris an und fahren dann züruck zu Gary, den wir erst dann kennenlernen. Im sehr netten Gespräch mit ihm erfahren wir einiges über ihn, er über uns und wir vereinbaren, dass falls wir zur gleichen Zeit in Colorado sind, wir uns nochmals treffen und besser kennenlernen. Er hat in Durango ebenfalls ein Grundstück und würde uns wieder anbieten, Henry bei ihm abstellen zu dürfen. Wow, das tönt doch gut.



Nach den drei Tagen in den Grossstädten zieht es uns wieder raus in die Natur. Del Rio, direkt an der Mexikanischen Grenze ist unsere Destination. Am 'Devils Lake' verbringen wir zum ersten Mal drei Tage und Nächte am gleichen Ort. Und das tut richtig gut. Bei schönstem Wetter schwimmen wir im glasklaren See [trotz Namen], kochen feinstes Gulasch im Dutch-Oven über dem Feuer und lesen die restliche Zeit 'Amerika' von Geert Mak [ich] und 'Where rainbows end' von Cecilia Ahern [Catherine]. Etwa alle 3 Stunden fährt ein Zug über die nahe Brücke, einmal mache ich mir die Mühe und komme auf 118 Waggons. Ja, wie man merkt läuft sonst nicht viel mehr hier.






Zum Kleinststädchen Marfa sind es dann einmal mehr 370 Kilometer, ausser Wüste und etwa drei Dörfern, deren Zweck die Tankstelle ist, liegt nicht viel dazwischen.





Umso interessanter ist dafür der Zielort. Aus irgendeinem Grund hat es hierhin einmal einige Künstler verschlagen und das sieht man dem 1800 Einwohner-Ort an. Foodtrucks, umgeben von alten Karossen, die als Esstische dienen, moderne Häuser, die es in dieser rauen Gegend leicht haben, unglaublich stark auszusehen und Kunstgallerien, die entsprechendes Publikum anziehen.








El Cosmico ist der Übernachtungsplatz 'to-be', in bemalten Vintage-Trailern oder Tippis bietet das Ein-Sterne-Hotel den internationalen Gästen die zum Ort passenden Unterkünfte an.






Wir hingegen stellen unser Camper etwas ausserhalb beim Marfa Lights Viewing Center ab. Das ungelöste Licht-Phänomen lockt neben uns noch einige andere an, leider haben wir aber in dieser Nacht kein Glück und sehen nichts davon. Trotzdem ist Texas bisher das Highlight unseres noch kurzen Trips.



Die zwei Wochen im Lone-Star-State schliessen wir dann in unserem ersten National Park ab. Wir wechseln von der Central-Zeitzone in die Mountain-Zeitzone und verlassen die Chihuahua-Wüste in Richtung Guadalupe Mountains. Im Visitor Center kaufen wir für 80$ den Annual Pass und stellen uns danach auf den asphaltierten aber windigen Parkplatz/Campingplatz. Als geübte Schweizer Berggänger nehmen wir uns am nächsten Tag den Guadalupe Peak vor. Mit 2667 Metern über Meer immerhin gleich der höchste Gipfel von Texas. Obwohl die Wanderung als "strenuous" [anstrengend] beschrieben ist, glauben wir zu Beginn noch nicht wirklich daran.



900 Höhenmeter und 3.5 Stunden später wissen wir es besser. Doch "on top" hat sich jeder einzelne Schweisstropfen gelohnt. Wir werden von einer noch nie gesehenen [wir waren schon auf manchen Gipfeln] 360-Grad-Aussicht überwältigt. Hunderte von Meilen wildes Land, karg, rau, trocken, braun, hier und da ein alleinstehendes Gebäude, an einem Flecken eine riesige Farm mit grünen, runden Feldern. Unglaublich.






Zweieinhalb Stunden und nochmals 900 Höhenmeter später fallen wir dann bald ziemlich erschöpft ins Bett [Korrektur: wir klettern ins Bett, es ist ja über der Fahrerkabine] und lernen so leider nicht einmal mehr unsere Parkplatz-Nachbarn im weissen Mitsubishi-Bus aus Chile [!!!!] kennen.


Tage 21 und folgende führen uns nach New Mexico. Stay tuned.

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