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  • mattia

008 - Wir sind gestartet! Woche 1

Nach drei luxuriösen Monaten bei den Eltern von Catherine - die Tage, an denen wir selbst gekocht haben, lassen sich an einer Hand abzählen - trinken wir am Abend vor unserem Abreisetag das Abschiedsbier im frisch renovierten Henry Ford. Familie und Freunde besetzen jeden einzelnen Platz und wir geniessen alle die letzten gemeinsamen Stunden. Ab Morgen sind wir wieder als Duo unterwegs.


Dem bequemen Bett sei Dank sind wir am Vormittag vor unserer Abfahrt bestens erholt. Wir räumen unsere Kleider und die sonstigen wenigen Dinge in die 15 Fächer ein und füllen den Frischwassertank bis ans obere Limit.


Und dann kommt der Moment.


Kurz vor 13 Uhr fahren wir am Dienstag, 27. Februar 2018 aus der Einfahrt und verlassen damit unserer Komfortzone definitiv. Wehmut mit gleichzeitiger Vorfreude sorgen für eine ganz spezielle Stimmung. Die letzten elterlichen Ratschläge wie "Immer früh genug tanken" nehmen wir auf und Simone's unter Tränen "Ich bin so stolz auf euch" bleibt als schöne Erinnerung für die kommenden Monate.



Erster Halt: Tampa, Florida

Die erste Etappe führt uns in 3 Stunden Fahrt die Westküste von Florida hinauf nach Tampa. Dort können wir bei unseren guten Freunden Amanda und Olivier [und Hund Milo] übernachten und verbringen so die erste Nacht auf der Strasse eben nicht dort, sondern auf dem bequemen Sofa in ihrer Wohnung (ich auf dem Grossen, Catherine auf dem Kleinen).


Wir gehen in Downtown Tampa im lauten aber coolen The Hall essen, lachen um 22 Uhr nachts über den Nachbarn, der um diese Zeit noch seinen Rasen von Hand mäht und um 7 Uhr morgens über Oliviers orange-braunes Afrika-Hemd, das er an den Diversity-Day in seiner Anwaltskanzlei anzieht. In der Nacht wache ich ein paar Mal auf und schaue aus dem Fenster auf die Strasse nach Henry. Tampa hat als Grossstadt nicht gerade den allerbesten Ruf, doch die Nachbarschaft, in der Amanda und Olivier wohnen ist sicher. Vielleicht trägt auch Gottes Segen dazu bei, dass nichts passiert, den parkiert haben wir Henry direkt vor einer Kirche.


Zweiter Halt: Tallahassee

Auf dem Highway 19 fahren wir dann weiter nordwärts nach Tallahassee zur ehemaligen Uni von Catherine. Auf dem Weg dahin erfreuen wir uns über $1.59 Kaffee bei Dunkin Donuts und dem spannenden ’Puff/Schrott‘, dass all die rural-Floridianer in ihren Gärten haben. Es sind Eindrücke von einem anderen Florida, das man als Tourist in den herausgeputzten Küstenorten nicht zu sehen kriegt.



In Tallahassee auf dem Campus der Florida State University gönnen wir uns einen typisch amerikanischen Hot-Dog bei Mom's and Pops und stellen fest, dass die jetzigen Studenten doch etwas jünger sind als wir.



Auf dem Landis Green (der grünen Treffpunkts-Wiese) geniessen wir das spontane Sextett-Trompeten-Konzert der Musik-Studenten.



Eine lustige Begegnung haben wir danach auf dem Parking Lot von Target.

Ein junges Mädchen lässt sich von ihrem Freund vor Henry Ford fotografieren und erschrickt dann, als ich plötzlich vom hinteren Camper-Teil in die Fahrerkabine steige. Also Wiedergutmachung winken wir ihr beim vorbeifahren, ihr ist es aber immer noch schampar peinlich.


Nach Sushi und Teriyaki-Noodles bei Jasmine's fahren wir beim Eindunkeln zu unseren ersten Boondocking-Gastgeberinnen. Auf dem Weg dahin werden wir immer wieder angehupt und stellen beim rückwärts einparkieren fest, dass der Grund dafür unsere nicht funktionierenden Rücklichter war. Ohje... Bei den netten alten Damen in einer ruhigen, grünen Seitenstrasse von Tallahassee schlafen wir dann aber trotzdem ganz gut und nun wirklich das erste Mal im Camper.


[Boondockers-Welcome ist eine Internet-Plattform, bei der man sich für $30/Jahr registriert und anschliessend gratis bei tausenden Leuten in der Einfahrt übernachten kann. Meist sogar mit Strom- und Wasseranschluss. Als Gegenleistung bietet man eigentlich seine eigene Einfahrt ebenfalls an, da unser zuhause aber momentan 6 Räder hat profitieren wir nun halt einfach mal von der Gastfreundschaft der Amerikaner.]


Tage 3,4 und 5

...führen uns aus Florida nach Georgia ans Tiny House Festival. Wir nächtigen bei [Boondocking] User KPAC, der zwar nicht zu Hause ist, uns aber trotzdem bei sich auf seinem riesen Grundstück vor dem Haus parkieren lässt. Den kompletten nächsten Tag [Freitag] versuchen wir eine Garage zu finden, die sich unser Rücklicht-Problem anschaut - die Glühbirnen haben wir logischerweise schon gewechselt, daran lag es aber nicht - aber keine will den Camper reparieren. Unser Plan, vom Gratis-Abend am Tiny House Festival zu profitieren, fällt ins Wasser. Voller Frust fahren wir vor dem Eindunkeln zu KPAC, denn ohne Rücklichter darf man auch in den USA nicht fahren, vor allem nicht in einer Grossstadt wo eine normale Zufahrtsstrasse mehr Spuren hat, als die durchschnittliche Schweizer Autobahn.



Nach einer sehr sehr kalten Nacht zeigt das Thermometer am Samstagmorgen 5 Grad an. Die beiden Deko-Decken, die wir zusätzlich mitgenommen haben, bewähren sich.

Wir lesen die Bedienungsanleitung der Heizung und schmeissen sie für 10 Minute an. Das reicht. Nach dem gestrigen Ärger über die nicht-hilfsbereiten Mechaniker entscheiden wir uns, unser Glück selbst in die Hand zu nehmen und gehen nun einfach so ans Tiny House Festival. Die Wettervorhersage ist gut und somit können die Rücklichter auch noch warten.


Im Infield des Atlanta Motor Speedways machen wir eine Haus-Tour nach der anderen und schauen uns etliche Skoolies, Tiny Houses, Vans und auch den Toyota-Camper unserer Social-Media-Freunden @SlowCarFastHome an.





Die vielen Eindrücke geben uns Ideen für Verbesserungen in unserem Gefährt und einen Inspirationsschub in der nicht ganz leichten ersten Woche.

Begleitet wird der Nachmittag von dem brummen der NASCARs, die auf der Rennstrecke rund um das Austellungsgelände eine Runde nach der anderen drehen.




In den Stunden am Tiny House Festival organisieren wir unseren nächsten Schlafplatz. Eine Freundin von Simone, die just an diesem Wochenende in Sanibel ist, wohnt rund 30 Meilen vom Speedway und lädt uns zu ihrem Mann ein.

Auf dem Weg zu Ryan geht unser Henry das erste Mal aufs Klo. An einer Dump-Station ausserhalb des Speedways leeren wir erlaubterweise oder nicht (?!) unsere Schmutzwasser-Tanks und füllen den Frischwassertank auf. Fazit: Gar nicht so schlimm wie wir dachten und Wegwerf-Handschuhe waren eine gute Idee.


Die Amerikanische Gastfreundschaft zeigt sich am Beispiel von Ryan dann wieder bestens. Er offeriert uns das Gästebett und damit ein echtes WC plus Dusche am Morgen. Mit einer Flasche Pinot Grigio nehmen wir dankend an. Wir gehen eine viel zu grosse und teure Pizza essen, small-talken und haben Freude an Phoebe, dem eleganten Hund der Youngs.


Am nächsten Morgen versuchen wir es mit den Sicherungen der Rücklichter, leider ohne Erfolg. Wir entscheiden uns, nicht in Atlanta stecken bleiben zu wollen und fahren bei Sonnenschein und 10 Grad in Richtung Alabama, wo wir bereits die Zeitzone wechseln. Central-Time und Bundesstaat Nummer drei.


Kurz nach Montgomery, AL hat Henry Durst und wir halten an der bisher heruntergekommensten Tankstelle an. Der arme Süden zeigt sich. Demolierte Autos ohne Nummernschilder aber glänzenden Chrom-Felgen, Panzerglas zwischen mir und dem Verkäufer in der Tankstelle, Raucher, die sich die Zigaretten nur einzeln leisten können.


In der historisch wichtigen Kleinstadt Selma spüren wir, dass es hier noch immer einen sehr grossen Unterschied macht, als Weisser oder Schwarzer geboren zu werden. Die Häuser und Autos neben dem Golfplatz unterscheiden sich deutlich zu denen in der Seitenstrasse, in die wir zufälligerweise abgebogen sind.


Obwohl es einen Walmart in der Nähe gibt, fahren wir wieder raus aus der Stadt in die Natur. Im Paul Grist State Park schliessen wir unsere erste Woche an einem Angler-See ab. Die beiden jungen Fischer, die wir während 30 Minuten beobachten, haben zwar kein Glück, schwingen ihre Ruten (wer hier lacht entschuldigt sich persönlich per SMS bei mir!) aber so elegant, dass wir trotzdem über sie staunen.



Kurzfazit nach 7 Tagen und etwas mehr als 1000 Meilen:

Wir haben schon viele Hochs aber auch genau so viele Tiefs erlebt. Gewöhnt haben wir uns an das Leben auf der Strasse und an Henry schon relativ gut. Wir lernen jeden Tag mehr dazu.

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